Wenn man mit dem Zug durch Deutschland fährt, sieht man sie überall, in der Nähe der großen Städte: die Schrebergärten. Kleine eingezäunte Gärten, einer neben dem anderen, mit hübschen Wegen dazwischen. "Das gibt es bei uns auch" sagen da die Franzosen, "wir haben unsere jardins ouvriers, die Arbeitergärten". Stimmt! Im Jahre 1896 schuf der ehrenwerte Pfarrer Jules Lemire Parzellen für Arbeiter, auf denen sie Gemüse für den eigenen Verbrauch anbauen konnten.Heute gibt es diese soziale Errungenschaft immer noch; in den Familiengärten, wie man heute sagt, können Städter den Kontakt mit der Natur pflegen. Doch in Deutschland hat die Sache eine andere Dimension. Auf einer Fläche von 46 Tausend Hektar gibt es eine Million Schrebergärten. Warum sagt man eigentlich "Schrebergarten"?
Im Jahre 1864 schuf der Arzt Dr. Ernst Innocenz Hauschild in einen Spielplatz für Kinder von armen Leuten. Er nannte ihn "Schreberplatz", im Andenken an seinen 3 Jahre zuvor verstorbenen Schwiegervater, den Arzt und Pädagogen Dr. Daniel Gottlob Moritz Schreber. Er fügte Parzellen hinzu, auf denen die Kinder Gemüse anpflanzen konnten. Aber das interessierte sie nicht besonders, die Eltern nahmen die Sache in die Hand, schützten die Früchte ihrer Arbeit mit Zäunen, und so entstanden die ersten Schrebergärten.Dabei hatte sich Dr. Schreber nie für Gartenbau interessiert. Bald gab es Schrebergärten überall, ein Segen für die Arbeiter – die damals häufig unter mangelhafter Ernährung und Enge in den Städten litten. Heute werden die Schrebergartenkolonien von Vereinen verwaltet, mit so wohlklingenden Namen wie "Heimatliebe" oder "Fröhliche Morgensonne". Aber das Schrebergartendasein bedeutet keineswegs Freiheit und Müßiggang. Nein, es ist genau reglementiert: Erstens kann man den Garten nicht kaufen, man muss ihn pachten.
Dafür muss man Mitglied des zuständigen Kleingärtnervereins sein. 30 Prozent des Gartens muss dem Anbau von Obst und Gemüse dienen. Man muss selbst Kompost erzeugen. Die Höhe der Hecken ist vorge-schrieben, manchmal sogar die Wahl der Pflanzen. Man darf eine Laube mit einer Fläche von maximal 24 qm für die Gartengeräte bauen, aber man darf nicht darin wohnen.Wenn es heute - hier und da - noch solche Behausungen gibt, sind das Überreste der Nachkriegszeit, viele Opfer der Bombardierungen fanden da ein Dach über dem Kopf. Diese "Parzellen des kleinen Glücks der kleinen Leute" sind aber für gewisse griesgrämige Geister die perfekte Inkarnation von kleinbürgerlicher Enge und Mief. Klar, wenn Sie eher Individualist sind, ist der Schrebergarten nichts für Sie. Denn zu den Pflichten gehören: Tratsch mit den Nachbarn, aktive Teilnahme am Vereinsleben, Respekt der Interessen der Gemeinschaft, ordentliche Pflege ihrer Parzelle und vieles andere mehr.
Aber vielleicht ist der Schrebergarten die perfekte Synthese von zwei typisch deutschen Werten: Gemütlichkeit und Wettbewerb; auf der einen Seite die liebliche Idylle mit Lampions, Bio-Tomaten und Gartenzwergen, auf der anderen reges Vereinsleben mit Veranstaltungen und Festkomitees, Streit unter Nachbarn und Wettkampf um das größte Radieschen. Kein Wunder also, dass es sogar eine "Deutsche Meisterschaft der Kleingärtnervereine" gibt, die seit 1951 den "besten" Schrebergarten in Deutschland krönt. Kein Zweifel, die Deutschen lieben die Natur.Aber wenn man sieht, wie sich manche Laupenpieper in ihrem Schrebergartenverein hervortun, kann man sich fragen, was sie mehr lieben - die Natur oder die Vereinsmeierei.







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