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Ein Magazin von Claire Doutriaux

Jeden Sonntag um 20 Uhr

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Ein Magazin von Claire Doutriaux

Jeden Sonntag um 20 Uhr

Ein Magazin von Claire Doutriaux

Sendung vom 20. Juni 2004 - 20/06/04

der Ort: die "chambre de bonne"

die "chambre de bonne"


Maija Lene Rettig ist eine deutsche Filmemacherin und lebt seit 12 Jahren in Paris. Sie steigt mit uns in den obersten Stock der schicken Pariser Wohnhäuser.

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Vorsicht, folgen Sie mir dicht, man kann sich hier leicht verirren. Da sind wir nun: auf der Schwelle des Chambre de bonne, dem für Paris so charakteristischen Dienstmädchenzimmer der Bürgerhäuser. Doch bevor wir eintreten, machen wir einen kleinen Ausflug in die Geschichte.



Im neunzehnten Jahrhundert baute der Baron Haussmann Paris radikal in eine moderne Großstadt um. Er lässt alte Viertel dem Erdboden gleichmachen und errichtet breite Avenuen. Der Grund: die häufigen Volksaufstände. Die Truppen sollen möglichst schnell eingreifen können. Die Avenuen werden von 6-oder 7-stöckigen Bürgerhäusern mit repräsentativer Fassade gesäumt. Die bürgerlichen Familien leben in großräumigen Wohnungen. Das Dienstpersonal, mindestens ein Mädchen für Alles, die sogenannte Bonne, ist getrennt untergebracht, in den chambres de bonnes unterm Dach. Wie kommt man denn nun dahin? Nein, nicht durch den Haupteingang. Was denken Sie! Meist ist es eine kleine Seitentür, die zum Dienstbotenaufgang führt.

Typisch für den Dienstbotenaufgang ist der schmutzigbraune Farbanstrich. Was soll man ihn erneuern, ist es doch nur das Personal, das ihn benutzt, um direkt von der herrschaftlichen Küche zum Zimmer zu gelangen. Kommen Sie schon, gleich ist’s geschafft, wir sind schon im fünften, nur noch ein Stockwerk. Voilà! Wenn das Chambre de bonne nicht auf den Innenhof geht, ist der Blick phantastisch! Doch dann fällt als Erstes die Beengtheit auf.

Ein chambre de bonne ist klein, sehr klein; zwischen 6 und 9 Quadratmetern, höchstens 12. Das erfordert natürlich sparsame Bewegungen, denn das chambre de bonne wird je nach Bedarf zu Wohnzimmer, Schlafzimmer, Badezimmer oder Küche. Nicht immer gibt es dort fließendes Wasser. Dann muss man es am Wasserhahn neben der Gemeinschafts-Toilette im Flur holen. Zweites Merkmal des chambre de bonne ist die Zimmertemperatur.

Ach ja, die berühmten grauen Zinkdächer, die Paris diese von Dichtern so geschätzte Atmosphäre verleihen: Aber wohnen Sie mal darunter. Im Winter schlottert man vor Kälte, im Sommer schwitzt man sich tot. Klar, Sie werden schon erraten haben, wer heutzutage in den Chambres de bonne wohnt: die armen Schlucker. Studenten, Au-Pair-Mädchen, Künstler, Immigranten, manchmal sogar ganze Familien. Eine kosmopolitische Mischung, deren Mittellosigkeit, wenn nicht Armut von den bürgerlichen Familien, die in der stuckverzierten 8-Zimmer-Wohnung darunter wohnen, konsequent geleugnet wird. Seufzend betrachten sie von Zeit zu Zeit die oberste Etage ihres Hauses, das sie an diese verflixte soziale Realität erinnert.

Erstellt: 18-06-04
Letzte Änderung: 18-03-11


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