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Ein Magazin von Claire Doutriaux

Jeden Sonntag um 20 Uhr

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Ein Magazin von Claire Doutriaux

Jeden Sonntag um 20 Uhr

Ein Magazin von Claire Doutriaux

Sendung vom 22. Januar 2006 - 22/01/06

die Art und Weise: die Zahlen

die Zahlen


Aufgepasst, unsere Journalistin Nikola Obermann will heute mit uns zählen, auf deutsch und auf französisch. Sind Sie soweit?


Können sie auf französisch zählen? Dann zählen sie mal mit: vingt, trente, quarante, cinquante, soixante… und dann? Wie bitte? Septante? Haben sie septante gesagt? Wie können sie nur! Vorsicht, die Franzosen werden sich über sie und ihre schreckliche linguistische Rückständigkeit lustig machen. Sie werden sie für einen Belgier oder einen Schweizer halten und Ihnen "richtiges" Französisch beibringen wollen, denn siebzig oder septante heisst "soixante-dix" - sechzig und zehn addiert – achtzig oder huitante heisst quatre-vingt, vier mal zwanzig, und neunzig, nonante, sind vier mal zwanzig plus zehn: eine Multiplikation, gefolgt von einer Addition, ist doch ganz einfach!

Aber woher kommt bloß diese seltsame Zählweise, die mit ihrer absurden Kopfrechnerei all jenen das Leben erschwert deren Muttersprache nicht das in Frankreich gesprochene Französisch ist? Kleiner Ausflug ins Reich der Zahlen. Alle indo-europäischen Sprachen basieren auf dem Dezimalsystem, dass man sich wie folgt vorstellen muss: Sie zählen ihre Murmeln, eine nach der anderen, von 1 bis 10. Wenn Sie 10 Murmeln zusammenhaben, tun sie die in ein Netz. Sobald sie 10 Netze haben, kommen die in einen Karton. Wenn sie am Schluss 3 Kartons, 7 Netze und 9 Murmeln haben, wissen Sie, dass sie drei mal Hundert, siebzig und 9 Murmeln besitzen: trois cent septante neuf.

Alle machen das so: die Deutschen, die Engländer, die Italiener, die Chinesen, die Griechen, die Hebräer, die Inder, die Russen, die Japaner, die Araber und natürlich die Belgier und die Schweizer. Sogar die Franzosen. Nur weichen die nach der "neunundsechzig" von der Regel ab. Was ist bloß in sie gefahren? Die Zwanzigerbasis ist in sie gefahren. Man kann sich leicht vorstellen, dass das Dezimalsystem dank unserer zehn Finger existiert, mit denen seit Jahrtausenden gezählt wird. Das dachten sie sich, oder? Aber stellen sie sich vor, es gibt Völker, die haben festgestellt, dass sie außer zehn Fingern noch zehn Zehen haben. Und die in Zwanzigerpäckchen zählten. Das waren zum Bespiel die Azteken, die Maya, die Eskimos in Grönland. 20 Murmeln: ein Netz, 5 Netze ein Karton. Achtzig sind dann vier Netze: Quatre-vingt - vier mal zwanzig.

Die Malinke im Senegal haben eine besonders poetische Art, in Zwanzigern zu zählen: Sie benutzen den Ausdruck "ein ganzer Mann" für "zwanzig", denn er hat zehn Finger und zehn Zehen. Vierzig nennen sie "eine Schlafstätte", also die Anzahl der Finger und Zehen eines Pärchens das im selben Bett liegt. Überreste dieses sogenannten Vigesimalsystems findet man auch bei den Kelten: das sind die Irländer, die Bretonen, die Waliser, usw. Im Bretonischen heisst vierzig "Daou-ugent": zwei mal zwanzig. Sechzig ist "tri-ugent", drei mal zwanzig. Die Dänen gehen noch weiter: anstatt vier mal zwanzig plus zehn oder neunzig sagen sie: halvfemsindstyve – Hälfte fünf Zwanziger. Man muss also fünf mal zwanzig rechnen, minus der Hälfte des letzten Zwanzigers. Das Resultat sind Neunzig - und ein bisschen Kopfweh.

Man vermutet, dass das Französische, genau wie die keltischen Sprachen, von Volkstämmen "angesteckt" wurde, die die Küstenregionen bevölkerten, bevor die indoeuropäischen Völker sich dort ansiedelten. Die Schweizer und die Belgier sind aus geographischen Gründen von dieser Kontamination verschont und deswegen dem Dezimalsystem treu geblieben. Im Mittelalter zählte man in Frankreich deshalb in Zwanzigern. Molière sagte six-vingts, also "sechs-zwanzig", für hundertzwanzig. Und das Krankenhaus Quinze-Vingts - "Fünfzehn-zwanzig" - in Paris, wurde unter Ludwig dem Neunten für 300 blinde Veteranen gebaut. Noch heute heisst es so: Hôpital des Quinze-vingts. Die französische Revolution wollte die Maßeinheiten in ganz Frankreich durch das Dezimalsystem vereinheitlichen, alle Spuren des Vigesimalsystems konnte sie jedoch nicht verbannen. Noch heute benutzen die Franzosen, jeglicher mathematischer Kohärenz zum Trotz, ihre komplizierten und extravaganten Zahlen. Das klingt chic und besonders. Und das will man sein, in Frankreich….

Erstellt: 18-01-06
Letzte Änderung: 14-03-11


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