Normalerweise sagt man, die französische Rechtschreibung sei schwierig und die französischen Schulkinder würden ständig Diktate schreiben. Der Laut "so" wird je nach Bedeutung SOT, SEAU, SCEAU geschrieben, und "ver" schreibt man VERRE, VERS, VERT oder VAIR. Die deutsche Rechtschreibung hingegen sei quasi phonetisch und von bestechender Klarheit: stimmt, man hört sofort, dass sich Eichhörnchen E-i-c-h-h-ö-r-n-c-h-e-n schreibt!Sie sehen es: pure Phonetik. Es gibt jedoch ein paar Seltsamkeiten, zum Beispiel: Warum schreibt man die Tätigkeit "Auto fahren" in zwei Worten, Auto großgeschrieben, während man die sehr verwandte Tätigkeit radfahren in einem Wort und klein schreibt? Eine unerträgliche Ungereimtheit. So konnte es nicht weitergehen. 1996 beschloss eine Gruppe von Linguisten, Schriftstellern usw, das alles zu reformieren und die deutsche Rechtschreibung zu vereinfachen.
Doch wer hätte gedacht, das das Projekt ganz Deutschland in Aufruhr versetzen würde: unermüdliche Debatten über den Sinn der Reform, Zank der Linguisten, Reform und Gegenreform, es wurde sogar das Verfassungsgericht gebeten, die Legitimität der Reform zu bescheinigen. Das Urteil ist gefällt: Die Reform ist legal. Sie ist sogar im August 2005 in Kraft getreten. Aber glauben sie bloß nicht, es sei nun alles einfacher geworden! Nehmen wir zum Beispiel das schöne Wort Schiffahrt.Ein zusammengesetztes Hauptwort wie es die Deutschen lieben, bestehend aus - dem Schiff und - der Fahrt. Zusammengesetzt ergibt das Schifffahrt mit 3 f. In der Schule lernte man jedoch noch bis vor kurzem, dass vor einem Vokal nie dreimal derselbe Konsonant stehen darf. Ein f musste also dran glauben, und noch vor zwei Jahren schrieb man Schiffahrt. Heute aber schreibt man, der Logik wegen, Schiff-Fahrt mit Bindestrich. Beziehungsweise Schifffahrt mit 3 f.
Wie zur guten alten Zeit übrigens, als die Gebrüder Grimm nicht nur deutsche Märchen sammelten, sondern auch die deutsche Rechtschreibung in ihrem berühmten Wörterbuch festlegten. Eins ist auf jeden Fall sicher: kein Mensch weiß mehr, wie man "Schiffahrt" schreiben muss. Ein anderes Beispiel? Die Trennung; nehmen wir einmal das Wort Schuster. Sie haben sicher alle in der Schule den hübschen Spruch gelernt "trenne nie das s vom t, denn es tut den beiden weh". Am Zeilenende trennte man daher den "Schu" vom " ster".Damit ist jetzt Schluss. Heutzutage trennt man ganz brutal das s vom t, und, völlig egal ob es weh tut oder nicht, heißt es nun "Schus" und "ter". Es gibt hunderte von Feinheiten dieser Art. Die Deutschen sollten alle noch einmal die Schulbank drücken, obwohl… am besten warten sie noch damit, denn nach der Reform der deutschen Rechtschreibung gibt es nun die Reform der Reform und wer weiß ob diese nicht auch noch mal reformiert werden muss.
Die Einführung des Euro war dagegen ein Klacks. Für mich als Französin ist jedoch dies das Schlimmste: Die Rechtschreibreform wurde heimtückischerweise dazu benutzt, einige aus dem Französischen stammende Wörter einzudeutschen. So kann man nun anstatt "Portemonnaie" "Portmonee" schreiben, anstatt"Facette" "Fassette" und anstatt "Necessaire" "Nessessär"! Skan-da-lös, oder?







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