Ich weiß, Sie kennen alle die Bilder vom 23. November, als Angela Merkel, die frischgebackene Kanzlerin, nach Paris gekommen ist, um Frankreich ihre guten Absichten zu zeigen. Sie haben alle gesehen, wie Jacques Chirac vor der Treppe des Elysée-Palastes auf die Kanzlerin wartete. Und dann plötzlich diese Geste von ihm, ein Handkuss, sehr schnell, fast nur angedeutet. Und sofort, sehr elegant, so als wolle er sich nicht mit so einer banalen Geste aufhalten, dreht sich der Präsident zu den Kameras und zeigt Angela Merkel etwas, vermutlich die Journalisten selber. Sehr geschickt.Die Szene ist lang genug, um von den Medien gezeigt zu werden, der Handkuss war jedoch nur flüchtig. Haben Sie Angela Merkels erhobene Hand und ihr Lächeln gesehen? Das ist kein aufgesetztes Lächeln, sie scheint wirklich überrascht und amüsiert über diesen Handkuss. Fast sogar etwas spöttisch. War sie darauf gefasst? Oder hat man den Handkuss nicht einstudiert, obwohl man doch damit rechnen musste, bei so einem Charmeur wie Jacques Chirac. Sie reagiert aber gut. Es ist nämlich gar nicht einfach, einen Handkuss zu bekommen. Steht nicht im Bottin mondain, dem französischen Pendant zum Knigge, dass man den Handkuss vermeiden sollte, wenn die Dame ihn nicht gewöhnt ist, weil man ansonsten einen Kinnhaken riskiert? Tja, Angela Merkel hat Jacques Chiracs Kinn intakt gelassen.
Eins muss man ihm lassen, er kennt sich aus, unser Präsident: schauen Sie, wie er sich tief zu Angela Merkels Hand hinunterbeugt und sie sanft an seine Lippen hebt. Lassen Sie sich nämlich gesagt sein: ein nasser Knutscher schickt sich nicht.
Gleiches Spiel am Ende des Besuches. Jacques Chirac begleitet Angela Merkel bis zu ihrem Wagen, ohne Rücksicht auf das Protokoll, welches nicht vorsieht, dass das Staatsoberhaupt die Stufen des Elysees hinabsteigt. Diese kleinen Details kann man gar nicht wichtig genug nehmen. Weil Angela Merkel Frankreich für ihren ersten Auslandsbesuch auserkoren hat, wird sie dementsprechend belohnt. Angela Merkel hält Jacques Chirac ihre Hand hin, die er ergreift. Beachten Sie, wie er die Bewegung kontrolliert, indem er seine linke Hand auf ihr Handgelenk legt und dann ihre Hand zu seinem Mund hebt.Diesmal wird der Handkuss vollzogen. Kein Zweifel, die Begegnung war ein Erfolg. Haben Sie Angela Merkels linke Hand bemerkt, die sich parallel zu ihrer rechten hebt, so als wolle sie einen weiteren Handkuss, den sie schon ahnt, verhindern? Doch Jacques Chirac ist fest entschlossen, Angela Merkels Hand schwebt einen Moment lang in der Luft, bis sie sich entschieden, aber zu spät auf den Arm des Präsidenten legt. Jacques Chirac hat noch Zeit, der Kanzlerin auf die Schulter zu klopfen, bevor er sich freundlich winkend von ihr verabschiedet und sich über das Auto beugt, wie man sich von seinen besten Freunden nach einem schönen Abend verabschiedet. Danke Angie. Jetzt bleibt dem Präsidenten nur noch, nach Hause zu gehen.
Was konnte Tony Blair danach noch tun? Man stellt sich seinen Unmut beim Betrachten dieser Bilder vor. Nach der Demütigung, Angela Merkels zweite Wahl zu sein, findet er dieses altmodische Gehabe vermutlich einfach nur lächerlich. Er beschließt also, sich streng ans Protokoll zu halten. Nicht eine einzige kleine Treppenstufe wird er heruntersteigen, und einen zwar festen aber einfachen Händedruck wird er verabreichen. Wir sind unter Arbeitskollegen, kein Larifari, das auf einen Geschlechterunterschied verweisen könnte.
Genauso nach dem Gespräch. Angela Merkel, nun misstrauisch geworden, sucht mit den Augen nach Tony Blairs Hand, um zu wissen, wie sie sich verhalten soll. Doch ihr geschieht nichts. Nur ein nüchterner Händedruck, dessen formelle Seite Blair abzuschwächen versucht, indem er seine Hände recht salopp in die Taschen steckt. Vielleicht ein bisschen zu salopp, denn er zieht eine davon schnell wieder raus. Moderner, sehr viel moderner und emanzipierter Blairs Händedruck. Und doch wirkt diese betonte Nüchternheit ein wenig kühl und auch etwas ungeschickt. Hier traditionalistisches Zeremoniell, dort übertriebener Minimalismus. Gar nicht so einfach, meine Herren, die richtige Geste für Frau Kanzlerin zu finden, nicht wahr?







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