In Frankreich gibt es einen Präsidenten der Republik : Jacques Chirac. In Deutschland gibt es einen Bundespräsidenten: Johannes Rau und einen Bundeskanzler: Gerhard Schröder. Jeder richtet sich am Jahresende mit einer kleinen Ansprache im Fernsehen an seine Mitbürger. Wir wollen jetzt untersuchen, wie diese Neujahrsansprachen in Szene gesetzt werden. In Frankreich hört man zuerst die Nationalhymne, die Marseillaise, während die Trikolore stolz im Wind weht. Der Präsident erscheint im Bild. Links die französische Fahne und die Europafahne, dicht einander. Im Hintergrund ein Fenster und der kunstvoll erleuchtete Garten des Elyséepalastes. Dahinter die Stadt. Vom Präsidenten sieht man nur den Oberkörper, dieser Bildausschnitt bleibt während der Ansprache unverändert
Innerhalb dieses Rahmens ist der Präsident ziemlich beweglich: Die Hände sind mal im Bild, mal draussen. Beim Sprechen bewegt sich der Oberkörper. Diese Mobilität lässt vermuten, dass sich der Präsident auf ein Pult stützt. Der Präsident spricht neun Minuten lang ohne Unterbrechung.Bundespräsident Rau hält seine Ansprache nicht am Jahresende sondern am ersten Weihnachtstag. Sie wird von einem Sprecher angekündigt. Sehen Sie: rechts die deutsche Fahne, so drapiert, dass man den Bundesadler sieht. Doch die Fahne bleibt nicht lange im Bild, denn der Bildausschnitt verengt sich, die Deutschlandfahne verschwindet. Diese Bücher sollen deutlich machen, dass der Präsident eher ein Mann des Wortes als ein Mann der Tat ist. Anders als in Frankreich ist der Bundespräsident kein Organ der Exekutive, sondern vorallem eine moralische Instanz. Links: ein Adventskranz, unumgängliches Element der deutschen Weihnacht. Dieser Adventskranz mit Kerze ist zugleich Ausdruck des christlichen Aspekts und der Tradition beim Weihnachtsfest. Der Bundespräsident wünscht uns. "Ein gesegnetes Weihnachtsfest", kein französischer Präsident würde jemals so etwas sagen.
Schließlich ist doch in Frankreich die Trennung von Kirche und Staat ein Grundprinzip der Republik. Johannes Rau spricht als Landesvater, von Mensch zu Mensch, nicht als Politiker. Zwei mal am Anfang und am Ende seiner Ansprache, sagt er : "Meine Frau und ich".
Die Flagge kommt am Schluss wieder ins Bild und erinnert an die Funktion des Mannes, der sich in so freundlich an uns gewandt hat. Johannes Rau hat sechseinhalb Minuten gesprochen. Der Bundeskanzler richtet sich– wie sein Kollege Jacques Chirac am 31. Dezember an die Bürger. Keine Nationalhymne vor der Ansprache, die sachlich von einem Sprecher über einem Bild vom Kanzleramt angekündigt wird. Der Kanzler sitzt sehr statisch. Im Hintergrund erkennt man das Reichstagsgebäude. Aber plötzlich bewegt sich der Hintergrund: der Reichstag verschwindet langsam aus dem Bild. Der Kanzler jedoch verändert seine Haltung vor der Kamera nicht. Zweifellos bewegen sich Kanzler und Kamera gleichzeitig, entweder auf einer Drehscheibe, oder auf einem Wagen auf Schienen.
Inmitten all dieser Bewegungen bleibt der Kanzler völlig unbeweglich, die Augen auf den Teleprompter fixiert und die Hände brav im Schoß ruhend. Wahrscheinlich haben die Image-berater des Kanzlers diese komplizierte Installation ausgetüftelt, um die Ansprache lebendiger zu machen. Aber hat dieser ganz Aufwand dem Kanzler tatsächlich geholfen, sich freier zu bewegen, sich entspannter auszudrücken? Das darf man bezweifeln. Gegen Ende der Ansprache: Kamerafahrt zurück Richtung Reichstag. Weder Flagge noch Nationalhymne bei dieser Ansprache, die sechseinhalb Minuten dauert. Der Kanzler und der französische Präsident beenden ihre Reden mit Wünschen für das Neue Jahr. Nur Jacques Chirac fügt diese Worte hinzu, die jede Ansprache französischer Präsidenten abschliessen.







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