Der Veitsdom, welcher majestätisch über den Dächern Prags thront, ist seit langem als Meisterwerk der sakralen gotischen Architektur anerkannt. Er wurde im 14. Jahrhundert unter Kaiser Karl IV. begonnen, als Prag die Hauptstadt des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation war. Fertig gestellt wurde die Kathedrale aber erst in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts, einige Jahre nach der Gründung der ersten tschechoslowakischen Republik. Deshalb hat der tschechische Staat lange Zeit den Bau als Allgemeingut betrachtet.
Doch nach dem Niedergang des kommunistischen Regimes und der Rückkehr zur Demokratie begann die Katholische Kirche die Kathedrale als ihr Eigentum einzufordern. Zur gleichen Zeit mauserte sich der Dom in den 90er Jahren zu einer der bekanntesten Touristenattraktionen des Landes. Das Landesgericht Prag verkündete 2006 letztendlich, dass der Veitsdom rechtlich gesehen der Kirche gehört. Am Tag selbst der Urteilsverkündung hoben die neuen Besitzer den Eintrittspreis auch gleich um das dreifache an und bereiteten den Renovierungsarbeiten an der Außenfassade ein jähes Ende. Eine fatale Entscheidung, denn nun begann sich das Verfassungsgericht für den Fall zu interessieren. 2007 versuchte die von der mehrheitlich katholischen ODS gestellte Regierung noch ohne Gerichtsverfahren mit der Kirche zu einigen, doch die Erzdiözese Prag weigerte sich. So entschied das Landesgericht Prag diesmal „im öffentlichen Interesse“ gegen die Kirche. Anfang März 2009 wurde dieses Urteil vom Verfassungsgerichtshof bestätigt. Der Veitsdom ist also staatlich – und eine lange Geschichte neigt sich ihrem Ende zu.
Eine andere Geschichte geht jedoch weiter: jene des tschechischen Misstrauens gegenüber der Kirche. Die Tschechen sind neuesten Umfragen der Meinungsforschungsinstituts STEM zufolge mit Abstand Weltmeister in Sachen Atheismus. 51% der Befragten gaben 2007 an, „total atheistisch“ zu sein, 24% fühlen sich als „Agnostiker“. Nur 25% der Befragten gaben an, einer Religion anzugehören. Ist dieser tschechische Zweifel nun Ausdruck eines postmodernen Nihilismus? Weit gefehlt. Der Atheismus gehört geradezu zum tschechischen Nationalbewusstsein: Zwischen dem 15. und dem 19. Jahrhundert wurde die Katholische Kirche als Helfeshelferin der Habsburgischen Besatzer angesehen. Nur während dem kommunistischen Regime zwischen 1948 und 1989, als der Katholizismus noch subversiv war, sprach sich eine Mehrheit der Tschechen für die Kirche aus. Doch nach dem Ende des Ostblock wurde die Kirche wieder institutionell – und die Tschechen umso atheistischer. Die Entscheidung des Verfassungsgerichtshofs Anfang März steht also absolut im Einklang mit der Sicht eines ganzen Volkes…









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