Im Herbst letzten Jahres hat ein Artikel, welcher im anerkannten Prager Wochenmagazin Respekt veröffentlicht wurde, die Literaturwelt in Aufruhr versetzt: Den Archiven des tschechoslowakischen Geheimdienstes zufolge hat Milan Kundera in seiner Jugend den Studenten Miroslav Dvořáček denunziert. Die Information wurde von der Polizei bestätigt und ist schwer zu bestreiten, doch die Tatsache, dass sie in einer Zeitschrift veröffentlicht wurde, die im Besitz von einigen Kundera nicht gerade wohlgesinnten ehemaligen Dissidenten (wie dem derzeitigen Außenminister Karl von Schwarzenberg) ist, macht die Nachricht etwas suspekt. Nichtsdestotrotz stürzen sich die tschechischen Medien darauf, als wäre es ein wahrer Krimi:
« Dem Protokoll zufolge passierte alles am 14. März 1950: Der Agent Dvořáček wurde von der kommunistischen Polizei festgenommen, nachdem diese Informationen vom Studenten Milan Kundera erhalten hatte. Herr Dvořáček wurde zum Tode verurteilt – eine Strafe die später in zweiundzwanzig Jahre Haft umgewandelt wurde, von denen der Verurteilte vierzehn absaß. Man kann nur schwer spekulieren, was Milan Kundera zu seiner Tat bewegt hat. Eine Theorie besagt, dass er selbst Angst vor den Behörden hatte... Aber wirklich wissen wird man es nie, denn Dvořáček ist tot und Kundera kommuniziert schon seit Jahren nicht mehr mit tschechischen Journalisten. Wenn er von Zeit zu Zeit nach Hause zurückkehrt, kommt er inkognito, denn er möchte nicht erkannt werden.“
Seit seiner Emigration 1975 ist das Verhältnis zwischen Milan Kundera und seinem ehemaligen Heimatland mehr als gespannt. Die Journalismusstudenten werden „die Affäre Kundera in den tschechischen Medien“ analysieren und dabei auch über das Verhältnis nachdenken, welches Tschechien zu seiner jüngsten Vergangenheit und einigen ihrer Protagonisten unterhält. Demnach ist die Positionierung einiger großer Stars wie dem Regisseur Miloš Forman und dem Sänger Karel Gott in ihrer Ambivalenz mit jener Kunderas vergleichbar.
Doch im Verlaufe jener zwanzig Jahre, welche seit dem Fall des Regimes vergangen sind, haben die Tschechen das Lachen und die Versöhnung allen Nachforschungen vorgezogen. Unabhängig davon, ob der Schriftsteller nun für die Inhaftierung des Studenten Miroslav Dvořáček verantwortlich ist oder nicht, hat die Affäre Kundera so hohe Wellen geschlagen, dass sich Tschechien in Zukunft stärker über seine Geschichte beugen wird. Und dass trotz der Fassungslosigkeit eines Westens, der Kunderas Werk verehrt und aus ihm gerne eine Ikone der Dissidenz gemacht hätte.









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