Die Möglichkeit einer Insel? Eine Uni im litauischen Exil
Die Europäische Humanistische Universität in Litauen ist wohl die einzige Hochschule der Welt, die im Exil ausbildet. Im Sommer 2004 ließ Weißrusslands autokratischer Präsident Alexander Lukaschenko mit der EHU die letzte unabhängige Universität seines Landes schließen.
Die Europäische Humanistische Universität wurde 1992 in Minsk als Privatuniversität von dem Philosophen Anatoli Michailov gegründet, um nach dem Kollaps der UdSSR einen ideologiefreien Ort für die Wissenschaft zu schaffen. Kurz darauf galt die Hochschule, die sich über Studiengebühren und ausländische Unterstützung finanzierte, als Vorbild für ganz Osteuropa. Die Uni hatte Kontakte zu Dutzenden Universitäten im Ausland, holte internationale Dozenten nach Minsk. Unterrichtet wurde auf Russisch, Englisch, Französisch oder Deutsch, und jeder Student absolviert im ersten Jahr ein studium generale mit Fächern wie Geschichte, Philosophie, Politik und Sprachen, bevor er sich spezialisiert - damals wie heute.
Dem autokratischen Präsidenten Lukaschenko aber war sie zu regimefern und westlich ausgerichtet- trotz massiver Proteste ließ er die EHU 2004 schließen.
Der Rektor jedoch kämpfte für sein Projekt und eröffnete die Uni kurzerhand im litauischen Vilnius wieder.
Lukaschenko – der „letzte Diktator Europas“
Alexander Lukaschenko ist nun seit 12 Jahren an der Macht und hat in Weissrussland Zustände wir in der ehemaligen Sowjetunion eingeführt: Es gibt einen KGB, einen Fünfjahresplan und Politinstrukteure in den Fabriken. 80 Prozent der Wirtschaft sind staatlich. Dank billiger russischer Öl- und Gaslieferungen konnte Lukaschenko einen bescheidenen Wohlstand für sein Volk schaffen. Ein Großteil der Weißrussen stehen daher hinter ihrem Landesvater, die Manipulation der Medien tut ihr übriges.
Der autokratische Machthaber versucht mit allen Mitteln sein Land vom Westen abzuschotten. Daher war ihm die freiheitliche Universität von Anfang an ein Dorn im Auge. Durch einen bürokratischen Trick konnte er sich ihrer entledigen: Erst kündigte er der Uni den Mietvertrag. Dann verkündete er, dass die Universität ohne Gebäude nicht weiterexistieren könnte und entzog ihr kurzerhand die Lizenz.
In diesem Kontext wurde unsere Universität zu einer Insel.
Anatoli Michailov, Rektor der Universität im Exil:
„Die Regierung Weissrusslands möchte den Bildungssektor im Land vom Rest der Welt abschotten. In diesem Kontext wurde unsere Universität zu einer Insel. Wir wurden nicht toleriert, weil wir eine international anerkannte Universität waren. Man hat uns als etwas Gefährliches identifiziert, das ist Unsinn.“
Der Traum von einem freien Weißrussland
Viele Studenten, die an der EHU studieren, träumen von einem demokratischen, freien Weißrussland. Sie warten im Exil auf das Ende der Herrschaft von Lukaschenko, „Europas letztem Diktator“.
In ihrem Heimatland wirft man ihnen vor, nur nach gutbezahlten Jobs im Westen zu schielen. Doch keineswegs: Ein Großteil der Studenten kehrt nach dem Studium zurück nach Weißrussland und möchte die Ideen von Demokratie und Freiheit mit in ihr Heimatland tragen.
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