Sendung vom 27. September 2009 - 27/09/09
der Ort: Lourdes
Lourdes
Jeanne Desto nimmt uns heute auf eine Reise mit, oder besser gesagt auf eine Wallfahrt. Los geht’s.
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Welcher Ort in Frankreich hat die höchste Hoteldichte pro Quadratmeter mit jährlich 7 Millionen Besuchern? Wo verdienen die Souvenirhändler so viel, dass sie Vermögenssteuer zahlen müssen? Paris? Nicht doch, Paris zieht 29 Millionen Touristen an. Die Côte d’Azur? Falsch! Der Mont Blanc? Das wird wohl bald der Fall sein, aber so weit ist es noch nicht. Na, haben Sie’s? Es handelt sich natürlich um Lourdes, einen der wichtigsten katholischen Wallfahrtsorte der Welt.
In dieser kleinen Stadt in den Pyreneen hatte im Februar 1858 ein 14-jähriges Mädchen aus einer armen Familie, Bernadette Soubirous, am Eingang einer Grotte eine Erscheinung:
"Ich sah eine Frau in einem weißen Kleid, sie trug einen weißen Schleier, einen blauen Gürtel und hatte auf jedem Fuss eine gelbe Rose". Das erste "Wunder" geschieht am 24. Februar: in der Grotte entspringt eine Quelle. Zweites Wunder am 1. März: eine Frau taucht ihren ausgerenkten Arm in das Quellwasser und kann ihn plötzlich wieder bewegen. Von nun an begleiten immer mehr Gläubige Bernadette zur Wundergrotte und wohnen ihrer Ekstase bei.
Von Februar bis Juli 1858 sieht Bernadette die Frau 18 mal, welche ihr sagt, sie sei die unbefleckte Empfängnis, ein Ausdruck, den die Analphabetin Bernadette weder kennt noch versteht. Die Kirche ordnet eine sehr genaue Untersuchung an: Ärzte, aber auch Physiker, Chemiker und Geologen untersuchen nicht nur Bernadettes Erzählungen sondern auch die Heilungen. Mit einer für die damalige Zeit sehr kritischen Einstellung, wie es heißt. Vier Jahre später, also 1862, erkennt die Kirche die Erscheinungen an.
Inzwischen ist Bernadette Soubirous Nonne geworden. Sie lebt zurückgezogen in einem Kloster in Nevers, wo sie 1879 stirbt. Im Zuge ihrer Heiligsprechung wird Bernadettes Leichnam dreimal aus der Erde geborgen und, Wunder aller Wunder, jedes Mal stellt man fest, dass der Körper intakt ist. Angesichts dieses Phänomens legt die Kirche Bernadettes Leichnam in einen offenen Sarg, nachdem der Körper mit einer Wachsschicht überzogen wurde. Noch heute kann man diesen Sarg in Nevers sehen. Bernadette Soubirous wird 1933 heiliggesprochen.
Seit 1862 hat sich Lourdes gewandelt. Durch den Ausbau des Schienennetzes können bald Züge voller Kranker dorthin befördert werden: Blinde, Geisteskranke, Krebskranke, Poliogeschädigte, usw… Man baut immer größere Kapellen, bis schließlich 1958 eine unterirdische Basilika entsteht, für 25 000 Pilger. Natürlich braucht man auch Hotels, Pflegeheime für die Kranken, Unterkünfte für die Pilger und freiwilligen Helfer – denn darin liegt vielleicht das eigentliche Wunder von Lourdes: die 600 000 jungen Leute, die jedes Jahr auf spiritueller Suche aus aller Welt nach Lourdes strömen, und die 120 000 Freiwilligen, die die Anreise selbst bezahlen und ihre Zeit opfern, um den jährlich 70 000 nach Lourdes pilgernden Kranken zu helfen, die in dem Wasser der Grotte baden wollen. Denn seit 150 Jahren blickt die Kirche auf 7000 beglaubigte Heilungen und 66 Wunder zurück.
Wenn man als Tourist nach Lourdes kommt, ist man widersprüchlichen Gefühlen ausgesetzt: denn in dieser kleinen Stadt tief unten im Tal springt einem nicht als erstes die spirituelle Innbrunst der Pilger ins Auge, sondern der gigantische Supermarkt der religiösen Andenken: an die 220 Souvenirläden drängen sich auf den beiden Straßen, die zu den heiligen Stätten führen. Wasser aus der Grotte, Miniaturgrotten mit Musik, leuchtende Jungfrauen, der religiöse Kitsch kennt keine Grenzen. Die zum Teil riesigen Souvenirläden sind immer voll und die Kassen klingeln ohne Unterlass.
Man möchte schon angeekelt diese "Tempelhändler" anprangern und die Vermischung von Kommerz und Religion verurteilen, aber da wird man von der Menge mitgerissen, die zu der Grotte strömt, und man ist sprachlos angesichts der endlosen Menschenmasse aus Frankreich, Europa, Afrika, Asien, ja, aus der ganzen Welt, angesichts dieser Familien, die ihren Kranken begleiten, und die alle von der unwahrscheinlichen Hoffnung auf eine wundersame Heilung getragen werden. Da möchte man all diese Verkäufer, die von der Verzweiflung der anderen leben, sogar zum Teufel schicken, und man möchte glauben, nur ein einziges Mal glauben können, dass Bernadette die Macht habe, alle Hilfesuchenden von ihrem schrecklichen Leid zu befreien.
Text: Jeanne Desto
Bild: Nicolas Cappan
Erstellt: 25-09-09
Letzte Änderung: 02-11-11