Synopsis: Um die belgische Staatsbürgerschaft zu erlangen, geht die Albanerin Lorna eine Scheinehe mit einem Junkie ein, eingefädelt von Mittelsmann Fabio, einem Taxifahrer. Der will danach aber den Junkie mit einer Überdosis aus dem Weg schaffen, damit Lorna einen russischen Gangster heiratet und beide kräftig abkassieren; schließlich will sie wiederum mit ihrem albanischen Freund Solko eine Snack-Bar eröffnen. Aber Fabio hat nicht mit Lornas Gewissen gerechnet...
ARTE Kultur im Gespräch mit Luc und Jean-Pierre Dardenne
Der Trailer zu Film(Windows Media Video)
Kritik: Die Brüder Jean-Pierre und Luc Dardenne haben schon mehrmals die menschlichen Abgründe ausgelotet und sehr genau hingeschaut, wie es um die Moral von Menschen bestellt ist. In ihrem Film "L'Enfant" (The Child) von 2005 beobachteten sie einen jungen Kleinkriminellen unter ihrem Mikroskop. Der verkaufte einfach das neugeborene Kind seiner Freundin, um Schulden zu begleichen.
Wie weit menschliche Skrupel gehen können, ist auch bei "Le silence de Lorna" keine Fragestellung, sondern eine eiskalte Abrechnung nach Kosten und Nutzen: Dem desolaten Albanien den Rücken gekehrt, will sich Lorna eine bessere Existenz in Belgien aufbauen und ihren Traum einer eigenen Snack-Bar verwirklichen. Nur: Ist sie für eine Zukunft im reichen Mitteleuropa bereit, über Leichen, sprich ihren Ehemann, zu gehen? Ist ein Junkie kein Mensch, sondern ein dahinvegetierendes Wesen, das fremdbestimmt nur noch seiner Sucht gehorcht und deshalb seine Daseinsberechtigung verloren hat? Fabio, der alles eingefädelt hat, und auch Solko, Lornas albanischer Freund, vertreten die skrupellose Seite wie gewissenlose Großinvestoren. Sie haben mehrere tausend Euro in das Komplott einbezahlt und dafür soll unter dem Strich mehr für sie dabei herauskommen. Lorna ist für beide nur Mittel zum gierigen Zweck. "Es ging Dir nur darum, wie viel Du eingezahlt hast, und nicht um mich", wirft Lorna Solko am Ende vor, als der Deal wegen ihr platzt und sie die gerade angepachtete Snack-Bar wieder verlieren.
Arta Dobroshi in der Hauptrolle der Lorna, geboren im Kosovo, überzeugt ungemein. Man sieht ihr an, wie sie sich an ihre neue Existenz in Belgien klammert, an ihren Job in der Reinigung und wie sorgsam sie die Sozialhilfe ihres Mannes in einem verbeulten braunen Umschlag in ihrer Jackentasche mit sich herumträgt. Wie sie daheim nur ihre Ruhe will und ihr Mann immer wieder alle ihre Aufmerksamkeit beansprucht und sich wie ein Kind an ihre Hosenbeine klammert. Als er endlich einen Entzug übersteht, findet sie langsam zu ihm: Sie bringt sich Verletzungen bei, um eine schnelle Scheidung zu erzwingen, um so ihren Mann vor der geplanten Überdosis durch Fabio zu bewahren. Ihr Schweigen (le silence), ihr wortloses Handeln trägt das Drama und hält es zusammen.
Die Regisseure, die Dardenne-Brüder, sind die Lieblinge von Cannes und heimsten bereits mit "Rosetta", "Le Fils" und besagtem "L'Enfant" Preise in Cannes ein. Kein Wunder, haben sie doch sehr zielsicher und gegenwärtig die Kehrseiten eines sich wandelnden Europas beleuchtet - vom White Trash-Dasein im belgischen Trailerpark in "Rosetta" bis zu ihrer Variante vom Menschenhandel aus Osteuropa in "Le silence de Lorna". Charakteristisch in jedem ihrer Dramen ist ein Handlungsfaden, der zwischendurch einfach entscheidende Ereignisse umgeht. Das hat Konzept, schließlich wollen die Regisseure nicht die dramatischen Wendungen zeigen, sondern wie ihre Figuren darauf reagieren und mit der veränderten Situation zurechtkommen. Das kann den Zuschauer irritieren, ist aber konsequente Methode der beiden Brüder. Auch bei "Le silence de Lorna" werden Dinge umgangen, wie etwa die fingierte Überdosis des Junkie-Ehemanns. Dieser ganz eigene Rhythmus macht auch dieses Sozialdrama zu einem bemerkenswerten Film. Allein das letzte Viertel bricht mit dem Handlungsfluss, wenn Lorna beginnt, wie irr mit sich selbst zu reden. Dennoch bleibt "Le silence de Lorna" ein beeindruckendes Porträt von Europa und den ganz unterschiedlichen Schicksalen der Menschen darin.Verena Dauerer
Synopsis : Lorna, eine junge, aus Albanien stammende Frau, lebt in Liège und hat mit Claudy eine Scheinehe geschlossen, um die belgische Staatsbürgerschaft zu erhalten. Der Mafiosi Fabio, der solche Ehen organisiert, will nun in einem nächsten Schritt Claudy beseitigen, damit Lorna dann für die Ehe mit einem anderen Mann frei wird, der seinerseits bereit ist, eine sehr hohe Summe für die belgische Staatsbürgerschaft zu zahlen.
Kritik: Nach der Goldenen Palme 1999 für „Rosetta“ und 2005 für „L’enfant“ melden sich Jean-Pierre und Luc Dardenne mit ihrem neuen Film „Le Silence de Lorna“ in Cannes zurück. Im Zentrum dieses Werks steht die albanische Schauspielerin Arta Dobroshi, eine echte Neuentdeckung, die in jeder Einstellung des Films zu sehen ist. Sie übernimmt die Rolle von Lorna, einer jungen zartblassen Frau, einer starken, aber auch besonnenen und schweigsamen Person, die in der Aussichtslosigkeit ihres Untergrund-Daseins völlig gefangen ist. Um die belgische Staatsbürgerschaft zu erhalten, hat der Gauner Fabio eine Scheinehe mit Claudy organisiert (gespielt von einem völlig abgemagerten und dadurch sehr ergreifenden Jérémie Renier). Claudy ist ein Fixer und bemüht sich verzweifelt um eine Entwöhnung, während Lorna mehr schlecht als recht seine Krisen und sein Gejammer erträgt in der erstickend kleinen Sozialwohnung, wo sie in getrennte Zimmern schlafen. Der junge Mann, immer wieder kurz vor einem Rückfall, klammert sich an Lorna wie ein Schiffsbrüchiger an einen Rettungsring, und wenn der Entzug zu sehr an die Substanz geht, ist sie es, die unter seinen Schläge zu leiden hat. Doch indem sie Claudy in seinem Kampf unterstützt, verliebt sich Lorna - wie beim Auftreten des Stockholm-Syndroms - schließlich in ihn und versucht von nun an, den von Fabio geplanten Mord hinauszuzögern. Nichts Neues in dem stets sehr realistischen und düsteren Universum der Gebrüder Dardenne, die mit diesem Film ihren Gegnern genügend Angriffsfläche bieten: kein Ausweg für den Zuschauer, ein unerbittlicher Diskurs, lange, mühsame Einstellungen. Nichtsdestoweniger entfaltet sich im Laufe der Sequenzen diese außergewöhnliche Leidenschaft der Brüder Dardenne für ihre Figuren, vor allem für Lorna mit ihrer stillen Opferbereitschaft und einer Hingabe, die fast bis zur Selbstaufgabe geht. Wenngleich die Gestalt der Lorna für die Brüder Dardenne im Mittelpunkt einer sozialen Darstellung von hoher symbolischer Aussagekraft steht, in der es um die Schwierigkeiten von Auswanderern und ihren Überlebenskampf geht, verkörpert sie doch auch das Portrait eines kleinen verlorenen Mädchens, das einem Märchen entwischt zu sein scheint. Indem sie immer wieder ihre Worte, die von so besonderer Klangfarbe sind, hinunterschluckt und für sich behält, schafft diese Sylphide sich ihr eigenes Ende der Geschichte, gibt sich ihrer eigenen Traumwelt hin und hält sich dabei die Ohren zu, als wollte sie sich für immer vor den giftigen Lauten der Außenwelt schützen.
Olivier Bombarda








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Ist ein Menschenleben so viel wert wie eine Staatsbürgerschaft und damit ein neues, besseres Leben in Mitteleuropa? Mit diesem Sozialdrama zeigen die belgischen Dardenne-Brüder einmal mehr, wie Menschen, gefangen in ihren Verhältnissen, bis zuletzt um ihre Würde und moralische Grundhaltungen kämpfen.
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