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Cannes 2007 - Offizieller Wettbewerb - 11/09/08

4 luni, 3 saptami, si 2 zile

Ein Film von Cristian Mungiu


Gabita und Otilia, zwei junge Rumäninnen, sind zu allem entschlossen, das zu tun, was unter dem Ceaucescu-Regime strengstens verboten ist – ein Kind abzutreiben.

Unverhohlen erzählt dieser Film von zwei jungen Frauen, die sich einer tragisch-banalen Prüfung stellen.

(Vier Monate, Drei Wochen und Zwei Tage)
Darsteller: Anamaria Marinca, Vlad Ivanov, Laura Vasiliu
Rumänien, 2007, 113’

Cristian Mungiu über seinen Film
Der Trailer zum Film




Synopsis: Vier Monate, drei Wochen und zwei Tage ist die Studentin GABITA (Laura Vasiliu) bereits schwanger – viel zu lange, um noch eine Abtreibung vorzunehmen, schon gar keine illegale. Auch steht unter dem Ceaucescu-Regime eine solche Tat unter strenger Strafe. Doch der zwielichtige ‚Engelmacher’ DR. BEBE (Vlad Ivanov) soll es richten. Für Gabitas Freundin OTILIA (Anamaria Marinca) wird der Vorsatz, ihrer Freundin zu helfen, zum Höllenritt.

Bilder aus dem Film
Cristian Mungiu über seinen Film
Die Reportage von ARTE Kultur


Kritik: Das Studentenheim, in dem sich die Technik-Studentinnen Gabita und Otilia ein viel zu enges Zimmer teilen, ist ein genaues Abbild des Ende der 80er Jahre wirtschaftlich und moralisch komplett bankrotten Ceaucescu-Regimes: ein Irrgarten aus allerlei Gefälligkeiten, Abhängigkeiten und Bestechungsmanövern, in dem Studentenbuden zu Schwarzmärkten umfunktioniert und Informationen über die Zigaretten-Vorlieben bestimmter Professoren unerlässlich sind, wenn man zur nächsten Prüfung zugelassen oder eine gute Note erhalten will. Zumal wenn man im totalitären, megalomanen Bauern- und Palaststaat mit dem Stigma einer Frau vom Land ohne Beziehungen behaftet ist, die einen angestammten Männerberuf erlernen soll. Ihr allmächtiger Herrscher Nicolae Ceaucescu hat jedoch in paradoxem Widerspruch dazu verfügt, dass sich das weibliche Geschlecht zwecks Bevölkerungsexplosion vor allem durch besondere Gebärfreudigkeit auszuzeichnen hat.

Der junge rumänische Regisseur Cristian Mungiu (Jahrgang 1968) hat die stillen Seelenqualen jener kurz vor dem Ende des Ceaucescu-Regimes Anfang 20-jährigen Frauen, die ihre Schwangerschaft auf illegalem Wege zu beenden versuchten, in den Mittelpunkt seines hochkonzentrierten kleinen Dramas gerückt. Wie ein Zeitzeuge, der rückblickend endlich die totgeschwiegenen und unsichtbaren Grausamkeiten eines untergegangenen Terrorregimes zeigen darf, ist Mungiu trotz klaustrophobisch enger Räume ganz nahe bei den Protagonistinnen, als dürfe der Nachwelt zumindest heute kein Detail ihrer Tortur, keine Feinheit ihrer Solidarität, ihrer unaussprechbaren Ängste vorenthalten werden. Von der Schulter gefilmt und in langen Plansequenzen gedreht, gelingt es Mingiu tatsächlich, ohne falsches Pathos, platte moralische Schuldzuweisungen oder hysterische Überspitzungen auszukommen. Stattdessen macht er anhand von Alltagsritualen und intimen Unterhaltungen sichtbar, wie schwer diesen jungen Frauen nicht nur ihre Selbstbehauptung, sondern auch ihre Entscheidung gegen das ungeborene Leben in einer trotz kommunistischer Fassade streng patriarchalischen Gesellschaft gefallen sein muss.

In das Gesicht der Schauspielerin Anamaria Marincas, die Otilia, die Unerschrockenere der beiden Freudinnnen spielt, scheint sich im Verlauf einer einzigen Nacht eine umfassende Ahnung vom Schrecken dieses Systems einzugraben. Obwohl sie es mit ihrem Freund Adi scheinbar gut erwischt zu haben scheint – doch auch seine mitfühlend gemeinten Hilfsangebote und sein Wunsch, sie in seine zur Bukarester Mittelschicht gehörende Familie zu integrieren, sind keine Hilfe bei dem, was sie durchmacht. Was bleibt am Ende dieser schrecklichen Nacht, sind zwei Überlebende im Restaurant des Hotels, in dem die Abtreibung vorgenommen wurde. Der Ober lässt ihnen die Wahl – entweder sie kosten von der Schlachtplatte einer Hochzeitsgesellschaft oder sie belassen es bei einer Flasche Mineralwasser. Keine besonders reichhaltiges Angebot, doch für die Heldinnen von Cristian Mungius Film noch lange kein Anlass, sich unterkriegen zu lassen.

Martin Rosefeldt


Synopsis: Otilia (Anamaria Marinca) und Gabita (Laura Vasilu) wohnen im selben Studentenwohnheim in einer rumänischen Kleinstadt. Es sind die letzten Jahre der kommunistischen Ära. Otilia mietet sich dennoch ein schäbiges Hotelzimmer, das sie für drei Nächte eine für ihre Verhältnisse enorme Summe kostet. Am Nachmittag sollen sie einen gewissen Herrn Bebe treffen. Gabita braucht diesen Unbekannten, denn sie befindet sich in einer Situation, auf die keine von beiden vorbereitet ist. Bebe lehnt ihr Geld ab, er möchte in Naturalien bezahlt werden.

Kritik: Der Film von Cristian Mungiu spielt 1987, doch weist kaum etwas auf die kommunistische Ära und die Herrschaft der Securitate hin. Hier geht es nicht um jene Bilder, die schon allzu oft gezeigt und in Filmen über den ehemaligen Sowjetblock (von „Goodbye Lenin“ bis hin zu „Comment j’ai fêté la fin du monde“) ausgeschlachtet wurden, sondern darum auszuloten, wie eine in der Vergangenheit spielende Geschichte die jungen Generationen ansprechen kann – ob nun in Rumänien oder anderswo –, die aufgrund ihres Alters die Erniedrigungen jener Zeit nicht direkt erlebt haben. Dass der Film zu einer ganzen Serie mit dem Titel „Erzählungen aus dem goldenen Zeitalter“ gehört, ist denn auch nicht nur bloße Ironie. Cristian Mungiu erzählt vom Abtreibungsversuch einer jungen Studentin und deren Freundin, die als einzige in der Lage ist, ihr beizustehen, während die Eltern stur und unnachgiebig sind, genau wie der Freund, der sich doch vorgenommen hatte, nicht ebenso verstockt wie seine Erzeuger zu werden, und genau wie die alte Generation des Herrn Bebe, die die Schroffheit derer symbolisiert, deren Leben entweder zu einfach oder zu schwer gewesen ist.

Der junge Regisseur darf sich viel von den beiden weiblichen Hauptfiguren erhoffen, die er in den Mittelpunkt seiner Geschichte gestellt hat. Die eine hat einen unmöglichen Namen (Gabita Dragut) und ein ebensolches Gebaren: Die schwangere junge Frau, eine unausstehliche Lügnerin, scheint in ihrer Tollpatschigkeit auf tragische und zugleich komische Art und Weise für die Unbeholfenheit und Ohnmacht einer ausgekühlten, irgendwo zwischen Buster Keaton und dem Mädchen mit den Zündhölzern angesiedelten Generation zu stehen. Die andere (Otilia) lässt sich darauf ein, ihrer Freundin in der Not beizustehen. Das Ganze ist voller Bewegung und mit starken, radikalen, aber keineswegs weltfremden oder abstrakten Bildern inszeniert.

Ohne Auslassungen, geradezu buchstäblich zeichnet Mingiu den menschlich-chaotischen Weg nach, den seine Figuren gehen, und variiert dafür gezielt die Dauer der Sequenzen, wobei er dem Zuschauer immer genügend Zeit lässt, um die dramatische und banale Dimension der kriminellen Energie zu erfassen, mit der die beiden jungen Frauen zu Werke gehen und die sie unwiderruflich kennzeichnet. Die durchdachten Einstellungen und wie in Echtzeit gezeigten Szenen haben hier nichts Affektiertes, sondern verdeutlichen eindringlich die Dimension der Prüfung, die es hier zu bestehen gilt: Vier Monate, drei Wochen und zwei Tage ist es her, dass sich Gabita gedankenlos einem Jungen ihres Alters hingegeben hat, der es nicht für nötig befunden hat aufzupassen. Die Aufschlüsselung dieser Zeitspanne ist wie eine kurzer Abriss der vergangenen Zeit, an die die alten französischen zusammengeflickten Autos, die Zigarettenmarken, die es heute nicht mehr gibt, und all jene Elemente erinnern, mit denen der Regisseur seinen Film gespickt hat und die mehr sagen, als jede andere Form der geschichtlichen Datierung. Cristian Mungiu beweist, dass kolportierte Geschichten wie jene, die zur Entstehung dieses Films geführt haben, nur aufgrund ihres Status’ der Legende nicht unbedingt unwahrhaftig sind und die Wahrhaftigkeit besonders dort konstruktiv ist, wo aus guten Intentionen nur selten gute Filme werden.

Julien Welter

Erstellt: 17-05-07
Letzte Änderung: 11-09-08