ARTE en Français

Schriftgröße: + -
Home > Film erleben > Filmfestival Venedig 2008

Filmfestival Venedig 2008

Erleben Sie das Filmfestival von Venedig, als wären Sie selbst mit dabei gewesen!

> Die Filme im Überblick > Les Plages d’Agnès

Filmfestival Venedig 2008

Erleben Sie das Filmfestival von Venedig, als wären Sie selbst mit dabei gewesen!

Filmfestival Venedig 2008

Venedig 2008 - Wettbewerb - 26/08/09

Varda und Demy – pardon, Demme.

Agnès Varda hat sich von ihren Sammlern getrennt und sich selbst auf die Suche begeben, und zwar diesmal nach ihren eigenen Erinnerungen. Mit „Les Plages d’Agnès“ (vier Sterne) ist daraus ein autobiographisches Projekt (mit diesem Genre ist sie gut vertraut) und ein überaus erstaunliches und bezauberndes Werk mit melancholischem Unterton entstanden. Leider läuft es außer Konkurrenz. Im Wettbewerb dagegen ist heute „Rachel getting married“ (zwei Sterne) von Jonathan Demme zu sehen – ein netter kleiner Film, jedoch nicht ohne Wirkung, vor allem dank Anne Hathaway.

  • Trailer: "Les Plages d'Agnès"
  • Im Gespräch mit Agnès Varda (auf Französisch)

Previous videoNext video

Previous imageNext image
Völlig fehl am Platze ist die Bezeichnung Dokumentarfilm für dieses Gebilde namens „Les Plages d’Agnès“, das mindestens genauso schwer zu identifizieren ist wie der berühmte Haarschnitt seiner Regisseurin Agnès Varda. Gleichzeitig ist nichts leichter auf der Welt, als Zugang zu diesem durch und durch lustigen Konstrukt voller Einfallsreichtum zu finden. Mit diesem unverblümt autobiographischen Projekt stellt Agnès Varda einmal mehr ihre Fähigkeit unter Beweis, ihr eigenes Werk aus neuer Perspektive zu betrachten, indem sie Bilder aus vielen ihrer Filme wiederverwendet und alle ihr am Herzen liegenden Dinge in einem beeindruckenden Mosaik anordnet.

Rachel getting married
von Jonathan Demme
(2008, USA, 1 Std. 56 Min.)
mit Anne Hathaway, Rosemarie DeWitt, Debra Winger…
Wettbewerb Venezia 65
Die verblüffende Natürlichkeit, mit der die achtzigjährige Regisseurin auf der Leinwand zum unwiderstehlich grotesken Clown wird, zumindest wenn sie vor der eigenen Kamera steht, verleiht diesem wundervollen Film im Film im Film zusätzlichen Reiz. Das Belgien der Kindheit, das Paris der Besatzungszeit, die sechziger Jahre und die Zeit in Amerika – aus all diesen Abschnitten pickt Varda hier ein unbekanntes Detail heraus, formuliert dort ein bekannteres Element neu und erklärt: „Wenn man in die Menschen hineinschauen könnte, würde man Landschaften in ihnen finden. Würde man in mich hineinschauen, dann wären es Strände.“ Und was spült das Meer heute an Land? Bilder von den Dreharbeiten zu „Eselshaut“ von Jacques Demy (1970), bei denen Jim Morrison mit Bart und Bauch zu Besuch ist, oder eine postkartenartige Sequenz mit Harrison Ford, der mit fünfundzwanzig Jahren beim Casting zu „Das Fotomodell“ (1968) vorbeischaut. Die Art, wie sie mühelos das Kunsthandwerk der Regieführung mit Schnipseln, die wie höchstkarätiges Bonusmaterial daherkommen, kombiniert, zeichnete die Regisseurin schon immer aus. Ähnlich typisch Varda ist es, wenn sie als Kartoffel verkleidet spazieren geht und ein paar Bemerkungen über die Krankheit von Jacques Demy, dem Mann ihres Lebens, fallen lässt.

Les Plages d’Agnès
Dokumentarfilm von Agnès Varda
(2008, Frankreich, 1 Std. 50 Min.)
Koproduktion mit ARTE France
Vier Sterne – Außer Konkurrenz Auch Jonathan Demme hatte Spaß, als die amerikanischen Vorstädte für ihn zum Nährboden der Fantasie wurden („Gefährliche Freundin“ und „Die Mafiosi-Braut“). Das war vor zwanzig Jahren, Jahrzehnte vor „Desperate Housewives“. Die Elemente aus „Rachel getting married“, angesiedelt im Connecticut der Jogger und der gepflegten Gärten, erkennt man durchaus wieder. Rachel ist Kims ältere, normale und gelegentlich etwas nervige Schwester. Kim dagegen ist das schwarze Schaf der Familie, sie hat die Geduld aller bis zum äußersten ausgereizt und trotz der Vergnügtheit ob der bevorstehenden Hochzeit echte Dramen ausgelöst, die keiner mehr vergisst. Ihr Vater ist Diplomat, die Mutter weit weg (Debra Winger hat man in der Tat aus den Augen verloren), und das Elternhaus wird sich in einen Gerichtshof verwandeln: In einer Einstellung sind Rachel und der Vater von hinten zu sehen, mit Kim, dem Klotz am Bein der Familie, in ihrer Mitte, wie sie Erklärungen von ihr verlangen, denn mit einer erfundenen Geschichte über angeblichen sexuellen Missbrauch hat sie es auf die Spitze getrieben. Womöglich macht sich Demme hier lustig über den in seinen Augen zu turbulenten Kinohit „Vesten“ von Thomas Vinterberg, an den er mit seinem Film jedoch sehr nah heran kommt. Die parkinsonmäßig wackelige Kameraführung in Kombination mit der vornehmen Art, mit der die Geschichte sich entfaltet, macht aus all dem einen bescheidenen aber lobenswerten Erfolg in der Auseinandersetzung mit dem ebenso bescheidenen aber lobenswerten Thema des Films: einem Familientreffen.

Julien Welter



Erstellt: 04-09-08
Letzte Änderung: 26-08-09