Mit: Mohammed-Ali Bakier, Joy K. Peterson, Anette Stovelbaeck, Helle Hertz, Subhi Hassan
Berlinale 2006 - Wettbewerb
Synopsis: In einer Freitagnacht wird der 19jährige Per in einem Außenbezirk von Kopenhagen so brutal zusammengeschlagen, dass er aufgrund der schweren Folgen seiner Verletzungen im Koma liegt. Seine Schwester Mie ist mit dem jungen Palästineser Shadi zusammen, welcher die Vermutung hat, dass sein älterer Bruder Tareq etwas mit dem tätlichen Übergriff zu tun hat. Kritik: Die renommierte dänische Regisseurin Annette K. Olesen ist auf der Berlinale längst keine Unbekannte mehr, ihre letzten beiden Filme „Kleine Missgeschicke“ (2002) und „In deinen Händen“ (2004) waren jeweils im Wettbewerb vertreten, wobei erstgenannter den „Blauen Engel“ als bester europäischer Film gewonnen hat. Mit ihrem neuen Drama „En til En“ ist sie nun im Panorama vertreten und behandelt, alles andere als karikierend, die Problematik der dritten Generation muslimischer Migranten in Dänemark.
Angesiedelt ist der Film in einem Außenbezirk von Kopenhagen, die Anonymität der Hochhaussiedlungen bildet die Basis für die Thematik der Angst. Diese präsentiert sich nicht nur in ihren xenophobischen Auswüchsen, sondern in allen Facetten zwischenmenschlicher Beziehungen wie Zweifel, Verlustangst und schwindendes Vertrauen. Der positive Aspekt von Furcht als treibende Kraft des Überlebenswillen tritt dabei in den Hintergrund, und die verschwindende Möglichkeit von Kontrolle in aller Deutlichkeit hervor.„En til En“ ist ebenso wenig eine Auseinandersetzung mit religiöser Differenz wie eine Analyse von multikulturellen Strukturen. Vielmehr wird aufgrund der Wahl der unterschiedlichen Kulturkreise nur ein Funktionieren von Vorurteilen aufgezeigt, welche, wenn auch nur latent, oftmals das gesellschaftliche Zusammenleben dominieren. Dies geschieht aber nicht plakativ, sondern passiert in Nebensätzen, denn politische Züge der Protagonisten werden zugunsten der Emotionalität weitestgehend ausgeblendet. Durch die extreme Nähe der Kamera gegenüber den Darstellern, die weitestgehend in Close-Ups ihre Gesichter präsentiert, entsteht eine Konzentration auf die Innerlichkeit und schafft so eine direkten Blick auf die Verlorenheit der Figuren.
Sowohl Mie als auch Shadi werden in ausgewogenen Teilen im Umfeld ihrer Familie präsentiert, was streckenweise einen leichten Hauch von Klischee bekommt, aber durch die Ausgewogenheit und Rücknahme des Aufzeigens von Unterschieden nicht negativ auffällt. Vielmehr werden Gemeinsamkeiten im Umgang miteinander aufgezeigt, z.B. die Sorge der Mütter bezüglich der Sicherheit ihrer Kinder. Beide Familien werden, bedingt durch den Überfall, vor gravierende Veränderungen in ihrem Alltag gestellt und müssen sich dem Zweifel der Richtigkeit ihres eigenen Handelns und der Konfrontation mit schmerzhaften Entscheidungen stellen. Olesen, selbst in einem Außenbezirk Kopenhagens aufgewachsen zeichnet ein präzises Bild von der Fehlleitung sozialer Strukturen. Ein plötzliches, durch Gerüchte geschaffenes Misstrauen, wird zum Katalysator von Vorurteilen und setzt damit eine Gewaltspirale in Bewegung. Die dabei nur konjuktivistisch intendierte Generalmetapher bewahrt den Film vor der Wirkung einer moralischen Anprangerung, sondern erlaubt durch die sensible Präsentation der Charaktere einen Blick in ein alltägliches Phänomen und die Gefährlichkeit des Fehlens von Kommunikation und des objektiven Hinterfragens.
Cornelis Hähnel








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Drama um Schuld und Vorurteil
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