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Kino-News

Schön anzuschauende, aber oberflächliche Verfilmung des Colette-Romans, mit großen Schauspielern, die in schönen Kostümen amüsante Dialoge sprechen.

Kino-News

02/01/02

Die Ahnungslosen

Kinostart 03.Januar 2002

DIE AHNUNGSLOSEN

Ein Film von Ferzan Ozpetek
Italien/Frankreich 2000

Synopsis

Antonia verliert ihren Mann bei einem Autounfall. Ihr Leben bricht zusammen, weil sie auf ihn fixiert war. Auf der Rückseite eines Gemäldes findet sie eine offensichtlich an ihren Mann gerichtete Liebesbotschaft. Sie entdeckt, dass er seit sieben Jahren ein Doppelleben führte, den attraktiven Michele liebte.

Die Neugier besiegt den Schock, und Antonia findet in der kunterbunten WG eines Altbaus zwischen Homosexuellen, einem Transsexuellen, einem Aids-Kranken und einer fülligen Fellini-Schwulenmutti schnellen Anschluss, der durch die Schlemmerorgien der das Leben genießenden Exzentriker und Spinner erfüllt wird.

Da scheint sich Michele in sie zu verlieben...

Kommentar

‚Du bist allein, sie ist allein. Ihr solltet Freundinnen werden', schlägt Antonias Mutter Antonia vor. Ein unkonventioneller Rat, der auf eine unkonventionelle Mutter/Tochterbeziehung hindeutet. Antonia (Margherita Buy) erwidert: ‚Danke. Wenn ich mich umbringen will, rufe ich Dich an.' Schon bald jedoch beherzigt sie den Rat ihrer Mutter mehr als ihr lieb ist. Sie verliebt sich in den Geliebten ihres Mannes (Stefano Accorsi).

In DIE AHNUNGSLOSEN treffen - wie schon in Ferzan Ozpeteks Debütfilm HAMAM – DAS TÜRKISCHE BAD - zwei Welten aufeinander. Die Ärztin Antonia lebte ein Jahrzehnt mit ihrem Göttergatten Massimo eine glückliche Ehe in einem noblen Wohnbezirk Roms. Ihre Beziehung war aufgeschlossen und glücklich. In Gesellschaft gaben sie das perfekte Paar ab und auch alleine konnten sie gemeinsam die Zeit genießen. Dann saßen sie oft und gerne auf den beiden Liegestühlen vor dem See, der an ihr Grundstück grenzt. Jetzt sitzt Antonia allein auf ihrer Liege am See. Und in jeder Einstellung gemahnt die leere zweite Liege an den fehlenden Massimo. Antonia leidet still, sie versinkt in einer tiefen Depression. Stundenlang bleibt sie in ihrem Auto sitzen – und ihre Mutter bringt ihr den Kaffee dorthin.

Als sie in Massimos Büronachlass ein Gemälde mit einer Widmung entdeckt, wacht sie auf aus ihrer Depression. Sie will den geheimnisvollen Worten ‚für Massimo und unsere gemeinsamen sieben Jahre' auf den Grund gehen. So lernt sie Michele kennen. Von der völlig andersartigen Welt, in der Michele wohnt fühlt sie sich erst abgestoßen, fast bedroht: eine WG Schwuler und Transsexueller. Das ist ihr zutiefst fremd. Nach und nach jedoch fühlt sie sich gerade von dieser Andersartigkeit angezogen und auch die WG-Bewohner wissen ihre Art zu schätzen. Michele und Antonia stellen fest, daß sie trotz aller Verschiedenheit gemeinsame Leidenschaften - - abgesehen von Massimo - teilen: sie beide verehren den Poeten Hikmet. Die Gesamtausgabe Hikmets war es, die Massimo und Michele einander nähergebracht hat. Was Michele damals nicht wußte: das Buch war für Antonia bestimmt; Massimo kannte den Poeten gar nicht.

Genauso wie Hikmet ihrer beider Schicksal verbindet, so ist auch Massimo stets bei ihnen. Das fühlen beide und er ihre Liebe zu Massimo bringt sie einander noch näher. Näher als ihnen lieb ist. Doch zum Glück mutiert Michele nicht zum Heteromann und deshalb kann die Nähe nicht allzulange halten. Eine Beziehung zwischen ihnen kann nicht funktionieren.

Regisseur Ferzan Ozpetek gelingt es mit einer faszinierenden Leichtigkeit, schräge und ungewöhnliche Charaktere mit einer bezaubernden Liebenswertigkeit zu zeichnen. Darin erinnert er sehr an Almodovar, der ebenfalls diese seltene Fähigkeit besitzt. Auch eher kleinere Rollen wie die der Mutter Antonias sind beseelt von dieser mutmachenden Unkonventionalität. Sie ist eben keine perfekte Mutter, die die Ratschläge gibt, die man von ihr erwartet. Sie selbst hat es immer noch nicht gelernt, erwachsen zu werden. Das macht sie zutiefst menschlich und sympathisch. Und auch Antonia gelingt es sich zu entwickeln, und an den Ereignissen zu wachsen. Durch die Bekanntschaft mit Michele und seiner WG lernt sie Vorurteile gegenüber anderen und auch gegenüber sich selbst abzubauen.

DIE AHNUNGSLOSEN thematisiert nicht schwule Lebensweise an sich. Das ist für den Regisseur Ferzan Ozpetek ohnehin eine Selbstverständlichkeit. DIE AHNUNGSLOSEN ist vielmehr ein äußerst gelungenes, sensibles und dezentes Plädoyer für andere, offenere Lebensweisen.

Nana A.T. Rebhan

Erstellt: 20-04-04
Letzte Änderung: 02-01-02