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Kino-News

Schön anzuschauende, aber oberflächliche Verfilmung des Colette-Romans, mit großen Schauspielern, die in schönen Kostümen amüsante Dialoge sprechen.

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Kinostart vom 7. April 2009 - 08/06/09

Der Junge im gestreiften Pyjama

Ein Film von Mark Herman


Solide und teilweise verstörende Bestsellerverfilmung, in der Konstruktion und der starken Emotionalisierung aber auch fragwürdig.

  • Trailer –  Der Junge im gestreiften Pyjama

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Inhalt: Anfang der vierziger Jahre muss der achtjährige Bruno mit seiner Schwester und seinen Eltern aus Berlin wegziehen, weil sein Vater, ein hoher SS-Offizier, nach Osten versetzt wird. Bruno vermisst zunächst seine Freunde und die gewohnte Umgebung, aber die Familie bezieht eine schöne Dienstvilla am Waldrand mit großem Garten - die Villa des Lagerkommandanten. Von der Arbeit es Vaters weiß Bruno nur, dass sie für das Vaterland sehr wichtig ist, er bekommt einen strengen Hauslehrer und seine Mutter verbietet ihm, das Privatgelände zu verlassen, vor allem darf er nicht zu den in der Nähe gelegenen „Bauernhöfen“ – die Menschen dort seien merkwürdig. Von seinem Zimmerfenster aus konnte Bruno über die Bäume hinweg in der Ferne dieses merkwürdige Dorf sehen, wo aus Schornsteinen manchmal Rauch aufsteigt. Eines Tages läuft er doch durch den Wald bis zu dem hohen Zaun, hinter dem dieses Dorf liegt. Auf der andere Seite sitzt in einer Art gestreiftem Pyjama Shmuel, ein trauriger Junge in Brunos Alter, den er nun öfter heimlich am Zaun besucht. Er bringt auch Spielzeug und etwas zu essen mit an den Zaun – was er manchmal aber auch vergisst, weil er sich gar nicht vorstellen kann, wie hungrig Shmuel ist. Bruno langweilt sich ohne Spielkameraden und würde Shmuel gerne mal in auf der anderen Seite besuchen, und er begreift nicht, warum Shmuel denn nicht zu ihm kommen darf. Eines Tages will er Shmuel helfen, seinen Vater zu suchen, er gräbt sich unter dem Zaun durch, zieht den mitgebrachten Streifenpyjama und die Mütze an und läuft mit Shmuel auf die Häuser zu - der Katastrophe entgegen.

Der Junge im gestreiften Pyjama
USA / GB 2008, 94 Min.
Regie: Mark Hermann nach dem gleichnamigen, preisgekrönten Bestseller des Iren John Boyne (auf deutsch 2007).
Drehbuch: Mark Herman
Mit: Asa Butterfield (Bruno), Jack Scanlon (Shmuel), Amber Beattle (Gretel), Vera Farmiga (Mutter), David Thewlis (Vater).

Kritik: Schon die Romanvorlage wurde kontrovers diskutiert und auch die solide und relativ aufwändig inszenierte Verfilmung dürfte unterschiedlich aufgenommen werden – kalt wird sie jedoch niemanden lassen. Die Stärke und gleichzeitig das Problem des Films ist seine extreme Emotionalisierung dieser schrecklichen Geschichte, indem er sie aus der Perspektive unschuldiger Kinderaugen erzählt.
Um nichts vorwegzunehmen, muss hier die Andeutung genügen, dass es furchtbar endet, und es dem Film auch weitgehend gelingt, die Geschichte aus der Sicht des achtjährigen Bruno erfahrbar werden zu lassen. Für den Zuschauer eine emotionale Achterbahn, denn Bruno ist ein erstaunlich freundliches, offenes und neugieriges Kind, dem man nichts Schlechtes wünscht. Genau da löst der Film aber auch ein zunehmendes Unbehagen aus, denn allzu viel innere Logik und Stimmigkeit ist dem konstruierten Fortgang der Handlung und der emotionalen Steigerung zuliebe auf der Strecke geblieben. Wobei noch nicht einmal die nur am Rande störenden Unwahrscheinlichkeiten dafür verantwortlich sind – wie z. B. dass sich zwei Kinder am Zaun eines Vernichtungslagers ungestört unterhalten und sogar miteinander spielen können, oder die unglaubwürdige, anhaltende Naivität der Mutter. Es ist ja eine wunderbare, gut gemeinte Geschichte, der man um ihrer Wirkung willen hinsichtlich des Realitätsgehalts gerne jeden Kredit zubilligen würde, zumal Bruno mit Asa Butterfield auch einen überzeugenden Darsteller hat.

Weit mehr stört eine fast spekulative Kontrastierung der heilen Kinderwelt mit der brutalen Realität, wobei die emotionalisierenden Absichten stets spürbar sind, als sollten damit – und natürlich auch mit viel Musik – die psychologischen und sonstigen Ungereimtheiten überspielt werden. Die irritierende Entwicklung des Vaters zum menschenverachtenden, hartherzigen Lagerkommandanten bleibt beispielweise bloße Behauptung, während die Mutter das Klischee der eigentlich emphatischen, gütig-naiven Frau erfüllen muss, die an der harten Wahrheit zerbricht. Letztlich bleibt der Film es auch schuldig, zumindest ansatzweise zu erklären, wie unter diesen Bedingungen und in dieser Familienstruktur sich ein Junge mit Brunos positiven Charaktereigenschaften überhaupt hat entwickeln können, während seine Schwester die Nazi-Ideologie völlig verinnerlicht hat.
Vielleicht richtet sich der Film ja vor allem an Kinder und Jugendliche und man tut ihm unrecht, ihn auf den Prüfstand der erwachsenen Rationalität zu stellen. Aber er will ja kein Märchen sein, und man sollte gerade bei so ernsten Stoffen auch die Erklärungs- und Plausibilitätsansprüche der Kinder sehr ernst nehmen. Auch wenn – das wird einem durch diesen Film einmal mehr erschreckend klar – es nie vollständig zu erklären sein wird, wie so viele Menschen das tun oder zulassen konnten, was in den Vernichtungslagern geschah.

Thomas Neuhauser

Erstellt: 04-05-09
Letzte Änderung: 08-06-09