Kinostart 17. März 2005 - 22/03/05
Die syrische Braut
Ein Film von Eran Riklis
Das Konkrete, welches das
Universelle begreiflich macht.
Synopsis: In einem kleinen Dorf auf den von Israel besetzten Golanhöhen nahe der syrischen Grenze soll geheiratet werden – die aus einer drusischen Familie stammende Braut MONA (Clara Khoury) will den syrischen Fernsehstar Tallel (Derar Sliman) ehelichen. Dazu aber muss Mona ihre Familie verlassen, ihren israelischen Pass abgeben und über die von der UNO bewachte Grenze zwischen Israel und Syrien ohne Rückkehrmöglichkeit überqueren. In ihrer von zahlreichen Konflikten zerrissenen Familie will keine richtige Feierstimmung aufkommen.
Kritik: Da steht sie nun in der stechenden Mittagshitze im Niemandsland – die syrische Braut mit den stechend grün-braunen Augen- stoisch und ergeben ihrem Schicksal entgegenblickend. Ein Stempel in ihrem Reisepass soll über ihre Zukunft entscheiden. Ein Stempel des israelischen Standesbeamten, den aber der syrische Grenzpolizist auf der anderen Seite nicht tolerieren will, weil er als Vertreter seines landes darin eine List des israelischen Erzfeindes wittert, mit dem Ziel, sich die eroberten Golanhöhen endgültig einzuverleiben.
Von solchen privaten Auswirkungen der großen Politik auf die einfachen Leute erzählt der israelische, 1954 geborene Regisseur Eran Riklis anhand einer drusischen Familie im Grenzgebiet zwischen Syrien und Israel. Als eigenständige, verfolgte Minderheit und Religionsgemeinschaft mussten sie, die Drusen, sich schon immer mit den sie gerade regierenden Mächten arrangieren, um ihr Überleben sicherzustellen. Hier aber in Majdal Shams, in dem Dorf nahe der syrisch-israelischen Grenze, hat das Loyalitätsproblem wegen des mehr als 30 Jahre zurückliegenden 6-Tage-Krieges absurde Formen angenommen – die eine Hälfte des Dorfes ist seitdem pro-israelisch, die andern pro-syrisch. Die Auswirkungen dieses Konflikts, zeigt Riklis anhand dieser drusischen Mittelstandsfamilie, hallen bis in die privatesten, intimsten Winkel nach.
Monas Schwester Amal beispielsweise leidet unter ihrem Mann, einem Kleinhändler, der ebenso wie ihr Vater der pro-syrischen, ismailitischen Seite des Dorfes zugetan ist. Damit aber hat er sich und seine Familie in ein enges Netz patriarchalischer Abhängigkeiten und moralischer Gebote verstrickt, unter denen besonders Amal und ihre Töchter zu leiden haben. Keine Partnerwahl ohne die Zustimmung des Vaters, keine berufliche Selbstständigkeit, die noch als Synonym für die Schwäche des Mannes gilt. Monas älterer Bruder hingegen wurde vom Vater gar verstoßen, nachdem er wie sein jüngeren Bruder ins Exil ging und dort eine russische Jüdin heiratete.
Doch die Hochzeit bringt vor allem wegen der kämpferischen Frauen dieses Films die erstarrten Fronten unmerklich in Bewegung, auch wenn dies zu dem Preis geschieht, dass die Familie auf dem Weg der persönlichen Identitätsfindung auseinanderdriftet. Regisseur Riklis schafft es, dass seine Geschichte trotz brisanten (gesellschafts-)politischen Inhalts nicht zur symbolschwangeren, allegorischen Bebilderung der verquerten Situation seines Landes verkommt. Statt dessen sucht er in seinen lebendigen Charakteren das Konkrete, welches das Universelle begreiflich macht. Weder verliert er die vielen Erzählfäden seiner Familiengeschichte aus der Hand, noch reiht er sie mit plumpen erzählerischen Mitteln aneinander. Zugleich hat Riklis ein großartiges schauspielerisches Ensemble zusammengeführt, die es mit spielerischen und weniger dialogischen Mitteln verstehen, die emotionalen Konsequenzen erfahrbar zu machen, die dieses Kapitel des Nahost-Konflikts, der Spagat zwischen Tradition und Moderne für die Menschen, die damit leben müssen, mit sich bringt.
Martin Rosefeldt
Die syrische Braut
Regie/Drehbuch: Eran Riklis
Darsteller: Hiam Abbas, Makram J. Khoury, Clara Khoury, Eyad Sheety, Evelyn Aplun
Koproduzenten: ARTE France, WDR ARTE
Frankreich, Deutschland, Israel, 2004
Erstellt: 15-03-05
Letzte Änderung: 22-03-05