Kritik: Vor fünf Jahren war Volker Koepp schon einmal zu Gast im ehemaligen Czernowitz. Damals drehte er den Film HERR ZWILLING UND FRAU ZUCKERMANN über seine gleichnamigen Protagonisten, die beide den Holocaust überlebt haben. Diesmal kehrt er zurück in die verlassen wirkende Stadt in der Ukraine und widmet seinen neuen Film Herrn Zwilling und Frau Zuckermann, die beide leider mittlerweile verstorben sind. Zwar steht die Stadt, die einst europäische Metropole war im Mittelpunkt seiner Betrachtungen, doch räumlich nähert er sich erst nach fast einer Stunde des Films.
Menschen erinnern sich an ihre Heimat, in der sie nicht unbedingt viel Lebenszeit verbracht haben. Volker Koepp spricht mit dem Schriftsteller Norman Manea, der Ausschwitz überlebte, und sich in Amerika niedergelassen hat. Gabriele, die Tochter von Eduard Weissmann, kennt Czernowitz nur von Schwarz/Weiss/Fotos. Kein Wunder, dass in ihrer Vorstellung die Stadt auch nur in Schwarz/Weiss existiert.
Schließlich kehrt Koepp mit einigen zurück ins ehemalige Czernowitz, und Eduard Weissmann erinnert sich an den Ort, an dem seine Großmutter von SS-Leuten abgeholt wurde, mit den Worten: „Komm Oma, du stirbst bei uns“. Während er dies erzählt, im kalten Winter auf der Treppe vor dem Hauseingang startet hinter Eduard Weissmann mit lautem Getöse ein Auto. Jeder andere Regisseur hätte an dieser Stelle abgebrochen und sich die Geschichte noch einmal erzählen lassen, nicht jedoch Volker Koepp. Er hat keine Angst, dass der Alltagslärm ihm die Tiefe der Erzählung raubt, und er hat Recht. Vielmehr tritt sogar der gegenteilige Effekt ein. Dem Zuschauer wird bewusst, wie schwer es ist, im Alltag die nötige Andacht zu finden, und der ermordeten Opfer zu gedenken.
Harvey Keitel – dessen Mutter aus der Nähe des Ortes stammt – läuft zum ersten Mal durch die Gassen von Czernowitz. Volker Koepp erzählt ihm, dass es im ‚Café Europa’ einst täglich 100 Zeitungen zu lesen gab, und es den Mythos gibt, dass damals jeder Einwohner fünf Sprachen beherrschte. „Ich habe hier nicht gelebt, aber ich vermisse es“, sagt Keitel bevor er in einer ruhigen Ecke vor einigen Arbeitern ein Gedicht von Celan (der aus der Bukowina stammte) vorliest. Es beginnt mit den Worten „Es war Erde in ihnen...“
Koepp tut gut daran, nicht nur über die Vergangenheit nachzudenken, sondern auch die Zukunft zu zeigen. Tanja Kloubert, die für ihn als Dolmetscherin fungiert, spricht selbst fünf Sprachen. Eine ihrer Hausarbeiten beginnt mit dem Satz: „Die Bukowina ist die Heimat für Toleranz, für alle Kulturen, für alle Volker.“
Nana A.T. Rebhan
Deutschland 2004, 133 Min.
Buch und Regie: Volker Koepp
Mit Ria Gold, Harvey Keitel, Tanja Kloubert, Norman Manea, Evelyne Mayer, Katja Rainer, Gabriele Weissmann, Eduard Weissmann








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