Seit den Tagen des Stummfilms wird im Kino gern und gut gegessen, und wenn die Not groß ist, dann macht Charles Chaplin für seinen Tramp sogar aus einer alten Schuhsohle noch ein kleines (filmisches) Festessen, wie in „The Gold Rush“ (1925). Die viel zu selten gezeigte, herrlich makabre Krimi-Komödie mit dem leider ziemlich einfältigen deutschen Titel „Die Schlemmerorgie“ („Who Is Killing the Great Chefs of Europe?“, 1978) ist ein weiteres schönes Beispiel dafür, dass der Gipfel egal welcher Lust oder Kunst immer in eine gefährliche Nähe zum Tod führt.Die ARTE-Reihe aber ist nun den Filmen gewidmet, die dem Zuschauer auch tatsächlich den Mund wässerig machen können, und die man besser nicht mit leerem Magen anschauen sollte. Besonders
wenn Martina Gedeck in „Bella Martha“ (2001) ihre ehrgeizigen, fein abgestimmten Menü-Kreationen auftischt, sollte man nicht hungrig sein oder zumindest ein gutes Essen in Aussicht haben. Man darf schon bezweifeln, ob die Gerichte – und der ganze Film – denn besser werden, wenn die Geschichte jetzt in Hollywood mit Catherine Zeta-Jones neu verfilmt wird. Sind es doch eher der europäische und der asiatische Film, in denen das Kulinarische gern eine besondere Rolle spielt – und natürlich bei amerikanischen Regisseuren mit entsprechender Herkunft und den großen Mafia-Filmen, die ohne die klassischen Restaurant- und Küchen-Szenen gar nicht denkbar sind, wie z. B. in „Der Pate“ (1972).Wie man ein Festessen bis ins Detail liebevoll vorbereitet und inszeniert und wie viel Lebensfreude und Lebenserfahrung darin zum Ausdruck kommen können, das zeigt der dänische Film „Babettes Fest“ (1987) so überzeugend, dass man sich nebenbei gleich von einigen Vorurteilen gegenüber der nordischen Kochkunst und dem angeblichen Puritanismus verabschieden kann.
Dagegen steht der wunderbar heiter-melancholische „Tampopo“ ganz in der Tradition der asiatischen Filme, die schon immer wussten, dass „der Mensch ist, was er isst“. So unterhaltsam wie hier wird einem nirgends sonst die essentielle Philosophie vorgeführt, die mit der richtigen Zubereitung und dem Genuss einer japanischen Nudelsuppe verbunden ist.
Schließlich sind es auch Regisseure aus Japan, China und Korea, die – mehr noch und subtiler als selbst Franzosen oder Italiener – mit schönen Analogien und metaphorisch gesättigten Bildern deutlich machen, wie viele Gemeinsamkeiten es zwischen der Kochkunst und der Kunst der Verführung gibt – weit entfernt von der stupid-direkten Gleichsetzung von Essen und Sex, wie sie in dem „9 ½ Wochen“-Kitsch plakativ eingesetzt wurde. Die filmische Verfeinerung des Themas findet sich bei einem ritualisierten Abendessen in Ang Lees „Eat, Drink, Man, Woman“ (1994), in dem erotisch aufgeladene Menü von Kim Ki-duks „Bin-Jip“ (2004) oder im letzten Film der ARTE-Reihe, „Das Bankett des Kaisers“ (1995), in dem ein rasanter und virtuos gefilmter Kochwettstreit nicht zuletzt auch um die Hand der Geliebten geführt wird.
Wie inspiriert man jedoch bei einem guten Essen über das Leben und die Liebe einfach auch nur sprechen kann, das hat nie wieder ein Regisseur so schön und intelligent gezeigt wie Louis Malle in dem so intensiven wie unspektakulären „Mein Essen mit André“ (1981).
Keine Erotik ohne Kulinarik, keine Kultur ohne Essenskultur – anhand der Filmgeschichte ließe sich diese etwas zugespitzte Behauptung durchaus mit großem Vergnügen immer wieder neu belegen.
Text: Thomas Neuhauser, ARTE








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