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KurzSchluss

"KurzSchluss - Das Magazin" zeigt die neuesten Kurzfilme aus aller Welt - und wirft einen Blick hinter die Kulissen: mit Porträts, Drehberichten, aktuellen Festival- und Filmtipps und vielen spannenden Interviews.

> 21. September > Joseph Morder

05/09/05

Joseph Morder

img_petit_mrd_1.jpg.imageDataJoseph Morder, polnischen Ursprungs und in Trinidad geboren, verbrachte seine Kindheit in den südamerikanischen Tropen, bevor er mit zwölf Jahren nach Paris kam. Als Randfigur des französischen Underground-Films arbeitet er seit dreißig Jahren an einem gigantischen Werk, das mit seinem eigenen Leben verschmilzt.
Zu seinem achtzehnten Geburtstag hatte er eine Super-8-Kamera geschenkt bekommen. In diesem Format dreht er seit 1967 sein filmisches Tagebuch: fünfzig Stunden eines Lebens, seines Lebens, dem seiner Angehörigen; fünfzig Stunden  Archive, Erinnerungen, Reisen ...
 
Er filmte ebenfalls Ereignisse wie Demonstrationen, Wahlkämpfe (Archives Morlock), drehte mehrere Dokumentarfilme, sehr viele Kurzspielfilme (Les sorties de Charlerine Dupas, Le grand amour de Lucien Lumière, Les aventures de Charles Lechar..., fünfzehn Spielfilme, darunter Romamor (Lettre filmée berlinoise) und nahm unzählige Tondokumente und Photos auf.
 
1999 drehte Gérard Courant einen Dokumentarfilm mit dem Titel Le journal de Joseph M., der Morder bei der Arbeit zeigt. 
 
Filmografie (unvollständig)
 
img_petit_mrd_2.jpg.imageData1971 - Le droit à la paresse ou la machine à écrire des Morlock (10 Min)
1973 - Avrum et Cipojra (10 Min, Farbe, Stummfilm, Super 8)
Der Regisseur filmt seine Großeltern in ihrer Wohnung im Pariser Stadtteil Belleville
1976 - La chatte de Colette (3 Min)
1978 - L’ été madrilène (90 Min)
1979 - Les sorties de Charlerine Dupas (10 Min, Farbe, 35 mm)
Sommer: an diesem Tag ging Charlerine aus dem Haus mit einer unwiderstehlichen Lust zu töten, zu töten, zu töten
Herbst:... auch an diesem Tag ging Charlerine aus dem Haus mit einer unwiderstehlichen Lust zu töten, zu töten, zu töten
Winter: auch an diesem Tag ging Charlerine aus dem Haus mit einer unwiderstehlichen Lust zu töten, zu töten, zu töten
Le mariage de Joseph (20 Min, Farbe, 16 mm)
Die Familien von Joseph und Yvette wollen die beiden miteinander vermählen: Zusammentreffen
 
1img_petit_mrd_08.jpg.imageData981 - Le grand amour de Lucien Lumière (8 Min, Farbe, 16 mm)
Lucien Lumière möchte zum ersten Mal filmen, indem er mit einer Kamera jemanden auf der Straße anspricht.
1983 - La maison de Pologne (56 Min)
Ausgehend von Aufnahmen des Pariser Viertels Buttes-Chaumont und Filmbildern aus Familienaufnahmen, begibt sich Joseph Morder auf die Spuren seiner Familie, polnisch-jüdischen Ursprungs.
1985 - Les aventures de Charle Lechar (10 Min, Farbe, 16 mm)
I : Le Rendez-Vous : Am 21. Oktober 1984 erhielt Charle Lechar einen geheimnisvollen Anruf.
II : Go Africa ! : Am 28. April 1985 erhielt Charle Lechar erneut einen geheimnisvollen Anruf.
1986 - Mémoires d’un juif tropical (80 Min)
Sinnliches und existentielles Abdriften einer Person, die den Sommer allein in Paris verbringt und nach und nach in ihre Kindheitserinnerungen als jüdisch-polnisches Kind eintaucht.
1987 - L’arbre mort (93 Min)
 
1991 - Romamor (92 Min)
1992 - Carlota (25 Min, Farbe, 16 mm)
Max, in den Vierzigern, erhält einen Anruf aus Montreal: es ist Charlotte, seine Jugendliebe, die er seit dreißig Jahren nicht mehr gesehen hat...  · 1994
Voyage à Rouen (23 Min, Farbe, 16 mm)
1996 - La Gran Via de Rita Jones (47 Min, Farbe, Video)
Margarethe Grünenwald alias Rita Jones hat an der Gran Via in Madrid von 1934 bis 1936 gelebt. Morder sucht durch zufällige Bilder, die er auf dieser großen Verkehrsader in Madrid aufnimmt, nach den Spuren ihrer Geschichte.
img_petit_mrd_5.jpg.imageData1997 - La reine de Trinidad (47 Min)
Zum ersten Mal filmt der Regisseur die Erinnerungen seiner Mutter, von ihrer Kindheit in Polen, ihrem Leben in Lateinamerika und nun in Paris.
La plage (les lieux du mélodrame) (14 Min, Farbe, 35 mm)
Suzanne und Albertine, ihre Tochter, kehren nach Omaha Beach, dem Strand der Invasion von 1944 zurück, wo ihre Familie die Ferien verbringt.
1998 - Ich bin ein Berliner (52 Min, Farbe, Video)
« Dieser Film erzählt mein paradoxes und verliebtes Verhältnis zu Berlin, wohin ich mich seit 1969 regelmäßig begebe. Es handelt sich auch um eine subjektive Bestandsaufnahme. » J. Morder.
Meine sieben Mütter (77 Min)
1999 - La gare de... (33 Min, Farbe, 35 mm)
Magda Freund, eine Witwe, die vor kurzem aus Argentinien gekommen ist, besichtigt eine Pariser Wohnung...
 
2001 - Quelque chose de là-bas (15 Min)
(Filmausschnitte auf Realplayer)
Assoud le buffle (41 Min.) · 2003
Those Ladies who were Smoking Cigarettes in the Fifties (ein für KurzSchluss [das Magazin] realisiertes Selbstporträt)
2004  - Porträts von Jean-Claude Guiguet, Thomas Salvador und Philippe Ramos (Super 8, realisiert für KurzSchluss [das Magazin] anlässlich der Ausstrahlung der Sendereihe „Porträts“)
Maisons errantes à La Havane (Super 8, 5 min)
 
  • Peter Pans Schatten
Joseph Morders Selbstporträt
 
img_petit_mrd_3.jpg.imageDataDas Licht war aus. Etwas reflektierte in mir. Ich sah mich in dieser Lampe, die ich anschalten wollte. Ein Bildschirm bildete sich dort, und in dieser viereckigen, weißen Struktur sah ich mein Spiegelbild. Ich hatte mich sozusagen gefilmt. Neu erschaffen. Eine Reinkarnation. Vor mir entdeckte ich ein Mosaik mit Reproduktionen meines Gesichts. Vielleicht spielte sich das Ganze nur in meinem Kopf ab? Noch dazu stellte ich fest, dass ich gar keine  Kamera hatte. Da kam mir im wahrsten Sinne des Wortes eine Erleuchtung: Die Erfinder des Kinos heißen schließlich „Lumière“ (zu dt.: Licht, Anm. d. Übs.). Aus ihrem Namen ging alles hervor (womit ich natürlich ihr Spiegelbild meine).
 
Ich überlegte mir daraufhin, dass das Führen eines Tagebuchs in Filmform (was ich seit 1967 tue) mit meiner so gut wie inexistenten physischen Präsenz das Nonplusultra des Selbstporträts wäre. Ich bin seit langem, vielleicht schon von Anfang an, davon überzeugt, dass die Präsenz des Filmemachers durch seine Unsichtbarkeit am Konkretesten ist. Selbst in Fiktionen (…) kann sich die autobiographische Komponente umso deutlicher herauskristallisieren, als sie wahrscheinlich das Unterbewusste anrührt. Das ist einer der Gründe, warum ich, seit ich zurückdenken kann, Filme machen wollte.
 
Meine physische Präsenz kann folgerichtig in Form von bestimmten, erfundenen Figuren meines Films durchscheinen: In der Regel habe ich vorher das Buch zum Film geschrieben und dadurch zwangsläufig etwas von meiner Persönlichkeit eingebracht (um nicht zu sagen meine ganze Persönlichkeit).  Die Distanz der Fiktion erlaubt es mir, mit dem „Ich“ lockerer umzugehen und mich damit wohler und freier zu fühlen.
 
img_petit_mrd_7.jpg.imageDataCharlie Chaplins gesamtes Filmwerk ist ein Selbstporträt. Orson Welles (de-) konstruiert seines in „Citizen Kane“. Jean Cocteau offenbart sich in all seinen Filmen. Und dann sind da noch Woody Allen und all die anderen - Federico Fellini, Luis Bunuel, Ingmar Bergman. Sacha Guitry (Erfinder der höchsten Kunst des Selbstporträts, der Off-Stimme). Gérard Courant (dessen Serie „Cinématon“ eine weitere Form des ultimativen Selbstporträts ist: Indem er die anderen porträtiert, filmt er sich selbst immer wieder aufs neue). Louis und Auguste Lumière natürlich, und Georges Méliès. Nicht zu vergessen Albert Kahn (der nie gefilmt werden wollte).
 
Je weiter ich auf meinem Weg als Filmender komme, desto mehr wird mir bewusst, dass die Frage, die ich mir als Kind stellte (soll ich Filme machen, in denen ich mein Leben erzähle, oder reine Fiktionen?) überflüssig wird: Egal, was ich tue, ich weiß heute, dass ICH DRIN BIN, und dass ich zwar versuchen kann, meinem Schicksal zu entrinnen, dass mir das aber nie gelingen wird, denn es kommt in Nu zurück – glücklicherweise!
 
So erkenne ich in jedem Film, den ich mir ansehe, ein Selbstporträt des Regisseurs, auch wenn ich nicht daran denke. Und abends, wenn ich nach Hause komme, untersuche ich dann wieder meine Nachttischlampe. Draußen wird es dunkel sein, deshalb braucht man das künstliche Licht: Wenn ich will, kann ich es ganz nach meinen Wünschen in sämtlichen Schattierungen, sämtlichen Farben scheinen lassen. Aus- und einschalten. Ein- und ausschalten.
 
img_petit_mrd_4.jpg.imageDataSeit meiner Kindheit in Südamerika pflege ich mit Genuss einige Hispanismen. Bei einem bin ich mir nicht so sicher, ob ich ihn nicht völlig erfunden habe (oder geklaut, was auf dasselbe herausläuft): Nach dem Regen sage ich nicht, dass ich meinen Regenschirm zu-, sondern ihn ausmache. Das spanische Verb ist „apagar“ (gibt es einen Bezug zum Wort „zumachen“, „cerrar“ ?). Einen Regenschirm „ausmachen“ bedeutet im Endeffekt das Licht ausmachen (oder eher aufmachen).
 
Hierin liegt vielleicht das unwahrscheinliche (paradoxe?) Geheimnis des gefilmten Selbstporträts: Etwas in uns aufmachen/anmachen, zumachen/ausmachen, d.h. den unablässigen Zyklus von Nacht und Tag, den Zyklus der Zeit zulassen. Über unsere jeweiligen Gesichter werfen wir Licht und Schatten. In Wirklichkeit würde sich das Selbstporträt im Schatten entwickeln, im unbekannten und mysteriösen Teil unseres Selbst. Dieser Schatten mit seinen unbestimmbaren Formen umschließt all die Feinheiten unserer Seele, die einzufangen sich die Kamera bis zuletzt bemühen muss. Ein  Filmemacher versucht in jedem Film, seinen eigenen Schatten zu erhaschen, und immer vergeblich. Solange diese schwarze Silhouette sich nicht von uns löst, können wir beruhigt sein, denn wir kreisen einfach nur ein Rätsel ein, das sich seit jeher in unserem Inneren verbirgt. Ich erinnere mich an den Tag, an dem ich - fünfjährig, in tropischen Gefilden - Walt Disneys „Peter Pan“ in einem großen Kino sah. Es war Sonntag. Nach dem Film gingen wir vollzählig mit Familie und Freunden auf die Terrasse eines bekannten Cafés. Der Sohn einer Freundin meiner Mutter ähnelte meiner Ansicht nach äußerlich Peter Pan (er hieß noch dazu Peter!). Wir bekamen neue Comics geschenkt, die noch nach Druckerfarbe rochen, was ich sehr liebte. Auf einmal hatte ich das Gefühl, einen einzigartigen und unvergesslichen Augenblick absoluter Vollkommenheit zu erleben. Seither weiß ich, dass Peter Pan (und sein Schatten) das schönste Selbstporträt der Welt sind: das der Harmonie meiner Kindheit.
 
Joseph Morder für die Ausgabe Nr. 14 von ZEUXIS, einem Kinomagazin (erscheint einmal im Quartal, zweisprachig französisch-englisch).
 
  • Weitere Infos 
img_petit_mrd_6.jpg.imageData Quelques questions à Joseph Morder (in französischer Sprache)
 Joseph Morder, l’homme au troisième oeil , Gespräch (in französischer Sprache)
 Artikel Morder filme mordicus  in der französischen Tageszeitung L’Humanité
 La gare de ... von Joseph Morder 
von Raphaël Bassan im Magazin BREF #42
 La beauté du super 8, Esquisse (von Joseph Morder)
im Magazin BREF #38
 Le journal de Joseph M.
de Gérard Courant im Magazin BREF #51 (alles in französischer Sprache)
 
Zu Super 8
 Geschichte des Super 8
 
Links zu Super 8
 Kodak
 Lavender
 Omelette, der Kultfim von Rémi Lange (ein « Schüler » von Joseph Morder) in Super 8-Tonfilm gedreht.

Erstellt: 05-09-05
Letzte Änderung: 05-09-05