ARTE en Français

Schriftgröße: + -
Home > Film erleben > Kurzschluss

KurzSchluss

"KurzSchluss - Das Magazin" zeigt die neuesten Kurzfilme aus aller Welt - und wirft einen Blick hinter die Kulissen: mit Porträts, Drehberichten, aktuellen Festival- und Filmtipps und vielen spannenden Interviews.

> Sendung vom Dienstag 08. Oktober 2002 > Auch Statuen sterben

08/10/02

Auch Statuen sterben


Ein Kurzfilm von Alain Resnais und Chris Marker

(Frankreich – 1950 – 30 Min – Dokumentarfilm – Schwarz-Weiß)


Drehbuch und Regie: Alain Resnais, Chris Marker
Texten : Chris Marker
Texten vortragen bei : Jean Négroni
Bilden : Ghislain Cloquet
Musik : Guy Bernard
Ton : Studios Marignan
Schnitt: Alain Resnais
Produktion : Tadié Cinéma, Présence Africaine

Preis : Jean Vigo-Preis des Kurzfilms 1954.

Synopsis : Alain Resnais filmt afrikanische Kunst und besonders Negerskulpturen und –masken: eine antikolonialistische Studie über den Verfall afrikanischer Kunst, die eng mit der pantheistischen und magischen Kultur dieser Region verbunden war und nun nach und nach durch eine künstlerische Tätigkeit ersetzt wird, die sich vom Geschäftssinn und der Profitgier leiten lässt und Serienprodukte herstellt ...

"Auch Statuen sterben" ist eine Auftragsarbeit der Zeitschrift « Présence africaine ». Die Dreharbeiten dauern von 1951 bis 1953, die erste ungekürzte Fassung wurde aber erst 1968, nach 15-jährigem Verbot, vorgeführt.

<< "Auch Statuen sterben" … dieser Film hat viel von sich reden gemacht. Zweifellos ein wenig zu viel. Und wahrscheinlich würde er enttäuschen, würde die jetzt zehnjährige Zensur aufgehoben. Denn wer bekennt sich in unseren aufgeklärten Zeiten noch zum « Kolonialismus », der im ersten Teil des Films angeklagt wird? Im Prinzip waren die Gründe für das Thema « Größe und Verfall der Negerkunst » auch während der Dreharbeiten nie ganz eindeutig. Sie zielten wahrscheinlich eher auf die Form als auf den Inhalt ab; genauer gesagt auf eine nicht eingehaltene Spielregel, ein Gesetz der « Form ». So konnten sich die Beamten, die zufällig in den in der letzten Filmrolle verwendeten Wochenschauen auftreten - und deren Gesichter den Autoren genau so unbekannt waren wie dem Publikum – nie ganz von dem (seltsam schmeichlerichen) Gedanken befreien, dass sie persönlich verantwortlich gemacht wurden. Nun ist aber bewiesen, dass das Pamphlet, eine in der Literatur zugelassene und geehrte Gattung, dies im Film, dieser Unterhaltung der Massen, nicht so ist. >>
Chris Marker. Ausschnitt aus « Commentaires », erschienen bei Seuil im Jahr 1961.


<< « Es ist der Kommission sowohl in der Bildabfolge als auch im Kommentar nicht in den Sinn gekommen, Kürzungen vorzuschlagen, da sie sich sonst aus ihrer Sicht an die Stelle der Autoren gesetzt hätte »…
Die Kommission hat sich hinter dieser « Ablehnung, sich an die Stelle der Autoren zu setzen » verschanzt und sich immer geweigert, uns anzugeben, was sie störte. Aber eines Tages sind zwei Mitglieder der Kommission bei mir erschienen, um mir das Besitzrecht an der Verfilmung zu entziehen!
(…)

Sie kamen zu mir in den Schneideraum. Sie sagten, « Sie haben einen sehr schönen Film gemacht, doch sie verstehen wohl, dass wir ihm keinen Freigabebescheid ausstellen können! Es würde genügen, ihn zu bearbeiten, er ist zu schön , als dass sie ihn verschwinden lassen sollten… Glauben Sie nicht, dass wir gegen den Inhalt des Films sind, im Gegenteil ! Wenn wir Ihnen alles erzählen würden, was wir über Afrika wissen, all diese niedergebrannten Dörfer ...» « aber », so sagten sie mir, «Sie zeigen davon nicht mal ein Viertel !… Ich antwortete ihnen: « Ich mache keinen Film über den Kolonialismus, das würde mich zwar unter Umständen interessieren, doch das ist hier nicht das Thema. »>>
Auszug aus dem Interview mit Alain Resnais, geführt von René Vautier in den Räumlichkeiten von Slon, rue Mouffetard in Paris .

Alain Resnais wird 1922 in Vannes geboren. Mit knapp 14 Jahrendreht er seinen ersten Film im 8-mm-Format. Als Erwachsener kann er sich zunächst nicht entscheiden, ob er den Beruf des Schauspielers oder des Regisseurs ergreifen soll. Sein Abstecher in den „cours Simon“ bestärkt ihn in seiner Entscheidung: er wird Regisseur. Er schreibt sich also 1943 in die Pariser Filmhochschule IDHEC ein und realisiert ab 1946, seine ersten Kurzfilme im 16-mm-Format. Von 1948 bis 1958 dreht er nur dokumentarische Kurzfilme, zunächst über Maler, darunter den berühmten « Van Gogh », der in Venedig preisgekrönt wird und schließlich zwei Essays, die Epoche machen: « Nacht und Nebel », ein filmisches Requiem zur Erinnerung an die Konzentrationslager der Nazis und « Auch Statuen sterben », eine Studie über den Status der Negerkunst und der Kolonisierung, deren Aufführung lange Zeit verboten war. 1959 gibt Resnais sein Spielfilm-Debüt: bei den Filmfestspielen in Cannes wird « Hiroshima mon amour » zu einem großen Ereignis und spaltet die Jury. Mit dem zwei Jahre später in die Kinos kommenden Film « Letztes Jahr in Marienbad » bestätigt Alain sein großes Talent. Es folgen zwölf Spielfilme, die im Schatten der Modeerscheinungen und kommerziellen Bestrebungen heranreifen. Von Resnais wurde oft gesagt, dass er - durch seine filmische Handschrift, die Roman- und Theaterformen integriert) sowie durch seine Regiearbeit (intensive Nutzung der Kamerafahrt, Ausstattung, bruchstückhafter Schnitt) - den Bruch mit einem bestimmten französischen Filmgenre darstellt. Eine Art zu filmen, die eine ganze Generation von Filmemachern beeinflusst hat und noch beeinflussen wird.


Weitere Infos

Weitere Infos

Weitere Infos

FILMOGRAPHIE von Alain Resnais

Filmographie vor 1948

Aus dem Werk von François Thomas L’atelier d’Alain Resnais (erschienen bei Flammarion), wo auf folgendes hingewiesen wird:
« Alle Filme sind im 16-mm-Format, in Schwarz-Weiß und Stummfilme, außer bei designierten Ausnahmen. Sie wurden nie kommerziell vertrieben und sind mit Ausnahme von « La bague », « Hans et Hartung », « Christine Boomeester » und « Portrait de Henri Goetz » nicht mehr zugänglich. Allerdings – im Gegensatz zu dem, was Resnais hat manchmal verlauten lassen – soll nur « Journée naturelle » definitiv verlorengegangen sein. »

· 1935
Fantômas (3 min, 8 mm)

· 1936
L'étrange aventure de Guy (10 min, Schwarz-Weiß, 8 mm)

· 1946
Ouvert pour cause d'inventaire (90 min, Schwarz-Weiß)
Schéma d'une identification (30 min, Schwarz-Weiß)
La bague (Schwarz-Weiß)

· 1947
Van Gogh (cm, Schwarz-Weiß)
L'alcool tue (15 min, Schwarz-Weiß)
Die Reihe « Visites » :
Journée naturelle (oder Visite à Max Ernst) (Farbe)
Portrait d'Henri Goetz (24 min)
Visiste à César Domela (15 min)
Visiste à Félix Labisse (15 min)
Visiste à Hans Hartnung (15 min)
Visiste à Lucien Coutaud (10 min)
Oscar Dominguez (unvollendet)
André Marchand (unvollendet)
Christine Boumeester (10 min)

Offizielle Filmographie

Kurzfilme

· 1948
Van Gogh (20 min)
Zusammen mit Robert Hessens und Gaston Diehl

· 1950
Paul Gauguin (12 min, Schwarz-Weiß)
Guernica (12 min, Schwarz-Weiß, 16 mm)
Zusammen mit Robert Hessens

· 1950-53
Auch Statuen sterben(29 min, Schwarz-Weiß, 16 mm)
Zusammen mit Chris Marker

· 1955
Nacht und Nebel (32 min, Schwarz-Weiß und Farbe)

· 1956
Toute la mémoire du monde (22 min, Schwarz-Weiß, 35 mm)

· 1957
Le mystère de l'atelier quinze (18 min, Schwarz-Weiß)
Zusammen mit A. Heinrich

· 1958
Le chant du styrène (19 min, Farbe, 35 mm)

Spielfilme

· 1959
Hiroshima mon amour (91 min, Schwarz-Weiß)

· 1961
Letztes Jahr in Marienbad (93 min, Schwarz-Weiß)

· 1963
Muriel oder die Zeit (116 min, Farbe)

· 1966
Der Krieg ist vorbei (121 min, Schwarz-Weiß, 35 mm)

· 1967
Loin du Viêt-nam (Abschnitt Resnais) (15 min, Farbe)

· 1968
Je t'aime, je t'aime (91 min, Farbe, 35 mm)

Ciné-tract (4 min 43 s, Schwarz-Weiß, 16 mm, Stummfilm)

· 1972
L'An 01 (Abschnitt Resnais) (3 min 57 s)

· 1974
Stavisky... (115 min, Farbe)

· 1976
Providence (110 min, Farbe)

· 1980
Mein Onkel aus Amerika (125 min, Farbe)

· 1983
La vie est un roman (111 min, Farbe)

· 1984
L'amour à mort (92 min, Farbe)

· 1986
Mélo (112 min, Farbe)

· 1989
I want to go home (105 min, Farbe)

· 1991
« Pour Esteban Gonzàlez Gonzàlez, Cuba » in der Reihe Contre l'oubli

· 1992
Gershwin (52 min, Farbe, Dokumentarfilm)

· 1993
Smoking (135 min, Farbe)
No Smoking (142 min, Farbe)

· 1997
Das Leben ist ein Chanson (122 min, Farbe)

Quelle: „L’atelier d’Alain Resnais“ von François Thomas (erschienen bei Flammarion)


Filmographie von Chris Marker

· 1950
Auch Statuen sterben(29 min, 35 mm, Schwarz-Weiß) zusammen mit Alain Resnais

· 1952
Olympia (82 min, 16 mm, Schwarz-Weiß)

· 1956
Dimanche à Pékin (22 in, 16 mm, Farbe)

· 1958
Lettre de Sibérie (62 min, 16 mm, Farbe)

· 1960
Description d’un combat (60 min, 35 mm, Farbe)

· 1961
Cuba Si! - Die Verkaufte Revolution-Casttros Verrat an Kuba
(52 min, 16 mm, Schwarz-Weiß)

· 1962
La Jetée - Am Rande des Rollfelds(28 min, 35 mm, Schwarz-Weiß)

· 1962
Le joli mai - Der schöne Mai (165 min, 16 mm, Farbe)

· 1965
Le mystère Koumiko (54 min, 16 mm, Farbe)

· 1966
Si j’avais quatre dromadaires (49 min, 35 mm, Schwarz-Weiß)

· 1967
Loin du Viêt-nam – Fern von Vietnam (115 min, 35 und 16 mm, Schwarz-Weiß und Farbe)

· 1968
La sixième face du Pentagone (28 min, 16 mm, Farbe) zusammen mit François Reichenbach.

A bientôt j’espère (55 min, 16 mm, Schwarz-Weiß) zusammen mit Mario Marret

Ciné-tracts (2 bis 3 min, 16 mm, Schwarz-Weiß)

· 1969
Jour de tournage (11 min, 16 mm)

· 1970
On vous parle du Brésil: Carlos Marighela (17 min, 16 mm)

La bataille des dix millions (58 min, 16 mm, Schwarz-Weiß)

On vous parle de Paris: les mots ont un sens (20 min, 16 mm , Schwarz-Weiß)

· 1971
Le train en marche (32 min, 16 mm, Schwarz-Weiß)

· 1972
Vive la baleine (30 min, 35 mm, Farbe)

· 1973
On vous parle du Chili: ce que disait Allende (16 min, 16 mm, Schwarz-Weiß)

· 1974
La solitude du chanteur de fond (60 min, 16 mm, Farbe)

L’Ambassade (20 min, Super-8, Farbe)

Puisqu’on vous dit que c’est possible (47 min, 16 mm)

· 1977
Le fond de l’air est rouge - Rot ist die blaue Luft (240 min, 16 mm, Schwarz-Weiß und Farbe)

· 1981
Junkopia (San Fransisco) (6 min, 16 mm, Farbe)

· 1982
Sans soleil - Ohne Sonne(110 min, 16 mm, Farbe)

· 1984
2084 (10 min, 16 und 35 mm , Farbe)

· 1985
A.K. (71 min, 35 mm, Farbe)

· 1986
Mémoires pour Simone (61 min, 35 mm, Farbe)

· 1989
L’héritage de la chouette (13x26 min, Video, Farbe)

· 1990
Berliner ballade (29 min, Video, Farbe)

· 1992
Le tombeau d’Alexandre - Der letzte Bolschewik(2x59 min, Video, Schwarz-Weiß und Farbe)

· 1994
Le Facteur sonne toujours Cheval (52 min, Video, Farbe)

· 1995
Casque bleu (27 min, Video, Farbe)

· 1996
Level Five (106 min, Video, Farbe)

· 2000
Une journée d’Andrej Arsenovitch (56 min, Video, Farbe)


Chris Marker zeichnet sich verantwortlich für zahlreiche Multimedia-installationen und hat an mehr als dreißig Filmen mitgewirkt.


Ghislain Cloquet
Belgischer Kameramann und einer der wichtigsten Aufnahmeleiter des französischen Gegenwartfilms, wurde 1924 in Antwerpen geboren und starb 1981 In Frankreich. Er war Absolvent der Pariser Filmhochschule IDHEC und war von 1947 bis 1958 Aufnahmeleiter der meisten Kurzfilme von Paul Paviot, Robert Hessens und Alain Resnais. Sein erster Spielfilm als Aufnahmeleiter war « Un amour de poche » von Pierre Kast (1957). Danach war er für die Kameraführung von mehr als dreißig Filmen von Arthur Penn, Robert Bresson, Jacques Becker, Jacques Demy, Roman Polanski, Michel Deville und vielen anderen verantwortlich.

Zu seiner Filmographie

WEITERE INFOS

« Where do statues go when they die? On Art, Colonialism and Complicity : Thoughts after seeing Les Statues meurent aussi »


« The Left Bank Revisited: Marker, Resnais, Varda »

« Tortures. Les silences du cinéma »


« La curiosité de mon cerveau est encore si jeune », der Filmemacher im Gespräch



Lektüre


« Positif, revue de cinéma. Alain Resnais » Anthologie von Stéphane Goudet (Collection Folio, Gallimard, 2002)
« L’atelier d’Alain Resnais » von François Thomas (Cinémas – Flammarion, 1989)
« L’art d’Alain Resnais » von Alain Fleischer (Centre Georges Pompidou, 1998)
« Alain Resnais arpenteur de l'imaginaire » von Robert Benayoun (Stock, 1980)
Magazine Théorème n°6 : « Recherches sur Chris Marker » herausgegeben von Philippe Dubois (Presses Sorbonne Nouvelle 2002) (mit ausführlicher Bibliographie über den Filmemacher).

Erstellt: 05-05-04
Letzte Änderung: 08-10-02