Cannes 2006 - Außer Konkurrenz - 17/09/08
World Trade Center
Ein Film von Oliver Stone
Die Terroranschläge vom 11. September als Action-Drama
Blicken Sie jetzt in die ARTE-Sterne!
(USA 2006)
Drehbuch: Andrea Berloff
Premiere der ersten 20 Minuten des neuen Films
Mit: Nicolas Cage, Maria Bello
Synopsis: Im Rahmen der Vorführung einer restaurierten Fassung seines über zwanzig Jahre alten Vietnam-Dramas Platoon, stellte Oliver Stone in Cannes als Weltpremiere auch erstmals einen Ausschnitt aus seinem neuen Film World Trade Center der Presse vor. Im Mittelpunkt seines mit großer Spannung erwarteten Films über die Terroranschläge vom 11. September 2001 steht der einer echten Figur nachempfundene Police Officer John McLoughlin (Nicolas Cage), der mit seinen Kollegen bei Rettungsbemühungen in einem der Türme des World Trade Centers eingeschlossen wird.
Kritik: Kann man einen Film nach den ersten zwanzig Minuten beurteilen? Schön wäre es, und die Arbeit auf den Filmfestivals wäre viel einfacher. Aber einen vorläufigen Eindruck kann man schon mitnehmen von einem linearen Ausschnitt, zumal von einem großen Regisseur, mit dessen Filmen man vertraut ist, und ein besseres Bild als durch das Trailermaterial, kann man sich in jedem Fall machen.
Nach Flug 93 (United 93) von Paul Greengrass – der die Geschichte des vierten Flugzeugs erzählt, in dem die Passagiere sich angeblich gewehrt haben – kommt mit Stones World Trade Center also der zweite Film in diesem Jahr auf uns zu, der die bis heute nicht nur in den USA noch kaum verarbeiteten Terroranschlägen von 9/11 erzählen will. Schon dieses erste Kapitel des Films zeigt, dass Oliver Stone dieses amerikanische Trauma nicht leise, behutsam oder indirekt darstellen wird. Er setzt, wie von ihm auch nicht anders zu erwarten, auf einfachen, direkten Realismus, auf eine Heldengeschichte und große Action mit viel Lärm. Das hat bei einigen seiner früheren Filme durch die gekonnt gesetzten Brüche in der Psychologie der Helden gut funktioniert, zuletzt in Alexander aber überhaupt nicht, und es sieht ganz danach aus, als ob auch dieser Film damit an seinem Thema scheitert.
Gleich zu Beginn werden die üblichen „family values“ gesetzt, der Polizist McLoughlin wird als guter Familienvater eingeführt, der noch mal nach allen seinen Kindern schaut – es sind viele – bevor er an diesem Tag zur Arbeit geht, natürlich ohne etwas von dem zu ahnen, was nur der Zuschauer weiß. So wird die Angst um ihn zur emotionalen Grundierung in der schlichten Dramaturgie des Films. Spannend verspricht das natürlich zu werden, aber es geht dem Zuschauer nicht wirklich nahe, denn nach diesem ersten Eindruck scheint Oliver Stone einfach einen Katastrophenfilm nach gängigem Muster gemacht zu haben. Aber der 11. September war eben keine Naturkatastrophe, er hat eine lange Vor- und Nachgeschichte, und wer das außer Acht lässt, kann hier nur verlieren. Gerade ein Regisseur wie Stone, der sich an den großen amerikanischen Traumata von Vietnam, den Kennedys und der gesellschaftlichen Gewalt abgearbeitet hat, muss das wissen, und so ist nach diesen zwanzig Minuten kaum zu verstehen, warum er ausgerechnet für World Trade Center eine so erschreckend einfache Form gewählt hat.
Thomas Neuhauser
Erstellt: 23-05-06
Letzte Änderung: 17-09-08