Dancer in the Dark - 01/09/08
Über Dancer in the Dark
Das Interview führten Olga Havenetidis und Frauke Hanck am 29. August 2000
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Nach der Premiere von "Dancer in the Dark" in Cannes haben einige Leute dort heftig auf den Film reagiert, einige wurden aggressiv. Wie erklären Sie sich das?
Lars von Trier: Ich denke, dass der Film mit sehr starken Gefühlen arbeitet. Wenn man bereit ist, sich auf diese Gefühle einzulassen, dann bin ich sicher, dass man den Film mag. Aber wenn man nicht bereit ist, sich einzulassen, dann fühlt man sich ab einem bestimmten Punkt vom Film nicht ernst genommen. Und man fühlt sich manipuliert, weil man nicht wollte, dass es so weit kommt. Dann wird man sehr aggressiv, was ich vollkommen verstehe.
Wie kann man durch das Filmemachen menschliche Gefühle manipulieren?
Also, ich würde nicht das Wort "Manipulation" gebrauchen. Ich sage nur, dass man sich manipuliert fühlt. Ich glaube fest daran, dass man nur dort hin geht, wo man selbst hin will. Und ein guter Hypnotisator, Regisseur und so weiter, kann einem helfen, dort hin zu gelangen.
Am Ende von "Dancer in the Dark", nachdem Selma ihr letztes Lied gesungen hat, steht auf der Leinwand: "Es ist nur das letzte Lied, wenn wir es zulassen." Also, was müssen wir tun, damit es nicht das letzte Lied ist?
Es geht um eine Art der Fortsetzung. Natürlich wird Selma sterben und so weiter, aber sie und ihr Sohn werden weiter zusammen sein, wenn er sie weiter leben lässt in seiner Erinnerung.
In Ihren Filmen schicken Sie Frauen in eine Art Folter ...
In meinen früheren Filmen habe ich Männer diesen Situationen ausgesetzt.
Aber warum Folter?
(lachend): Ja, ich foltere gerne fiktive Personen. Nein, ich glaube es gibt einen Unterschied zwischen Männern und Frauen. Ich finde Frauen interessant. Es ist sehr viel leichter, einen Mann zu durchschauen und ihn zu verstehen. So ist es. Das Gefühl habe ich, und ich habe großen Respekt vor jemandem, der anders handelt, als ich es erwarten würde. Ich denke, ich kann auch gut mit Frauen arbeiten. Ich weiß, ich hatte beim Dreh Probleme mit Björk, aber wir konnten uns letztlich in allem einigen und wir haben gut zusammen gearbeitet. Ich habe noch nie gesehen, dass es schon einmal so ein nahes Verhältnis bei Dreharbeiten gegeben hat. Es war paradox: Je mehr Konflikte ich mit Björk hatte, um so besser konnten wir zusammen arbeiten. Ich hoffe, dass das auch im Film so rüber kommt.
Warum haben Sie Björk für die Rolle der Selma ausgewählt?
Ich war sehr fasziniert von ihr als Mensch.
In "Dancer in the Dark" wenden Sie manchmal Stilmittel an, die an Bertolt Brechts Verfremdungseffekte erinnern.
Sehr interessant, dass Sie Brecht erwähnen. Ich bin sehr fasziniert von diesem Lied mit dem Schiff aus der "Dreigroschenoper". Ein Schiff mit acht Segeln und mit fünfzig Kanonen ... Das könnte ein sehr guter Film sein ...
Wenn "Dancer in the Dark" eine wahre Geschichte wäre, die Sie miterleben würden, welches Ende würden Sie sich wünschen?
Ich würde nicht wollen, dass es zu diesem Extrem kommt. Niemand würde das wollen. Wenn jemand blind wird, kann man nicht viel dagegen tun, aber Selma akzeptiert das nicht. Sie sagt, ich kann etwas dagegen unternehmen. Aber niemand anderes würde das tun, aus dem Grund ist sie ja auch keine reale Person.
Welche Ähnlichkeiten bestehen zwischen Bess aus "Breaking the Waves" und Selma?
Ich denke, sie naiv zu nennen, ist möglicherweise falsch. Aber zu sagen, dass sie die Naivität verteidigen, ist wahr.
Weshalb müssen sie sterben?
Weil es Melodramen sind (lacht).
Sie sind hartnäckig und eigensinnig, das ist alles. Und sie haben Gründe dafür.
"Dancer in the Dark" spielt in den USA. Selma ist Tschechin. Welche Gründe gibt es dafür?
Ich wollte ein Musical machen. Und für mich kommt ein Musical aus den USA. Also war klar, dass es dort spielen muss und dass Selma jemand von außerhalb ist. Aber der Grund, weshalb sie aus Osteuropa kommt, ist, dass meine Tochter Selma heißt. Ich mag den Namen und er ist dort geläufig. Ich fand es außerdem interessant, die Figur aus den kommunistischen Ländern stammen zu lassen. Es ist ein sehr technischer Prozess, das alles zu kreieren.
Sie heißen doch Lars Trier. Wie kam das "von" in Ihren Namen?
Mein Stief-Großvater hieß Sven Trier. Und er schrieb sich immer Sv. Trier. Wenn er in Deutschland war, nannten ihn alle Herr von Trier. Ein alter Famlienwitz.
Warum machen Sie ausgerechnet Filme und schreiben keine Bücher?
Ich glaube, es ist einfacher, Filme zu machen. Die Bilder müssen sehr viel klarer sein, es ist viel einfacher durch einen Film zu kommunizieren. Und man fühlt sich mächtiger. Man fühlt sich, als könnte man wirklich kontrollieren, und zwar nicht nur Charaktere in einem Buch, sondern die Schauspieler gehen wirklich ins Krankenhaus, sterben, treffen sich ... Ich glaube, es hat was mit Macht zu tun. Als Kind hatte ich viele elektrische Eisenbahnen. Das war wundervoll. Ding-ding-ding-ding.
Versuchen Sie immer noch, Phobien zu bekämpfen, indem Sie Filme drehen?
Ich denke, dass man die Energie, die man braucht, um Panik zu machen, stattdessen für kreative Arbeit nutzen kann. Das geht ganz einfach. Aber im Moment nehme ich dieses wunderbare Produkt namens "Prozac", eine fantastische Pille gegen Neurosen und Depressionen. In erster Linie schlucke ich sie, weil es nicht mehr lustig ist, wenn man unerträglich für seine Familie wird.
Mochten Ihre Eltern "Dancer in the Dark"?
Sie mochten, dass der Film die USA kritisiert.
Ihr Regiekollege Kristian Levring sagt, dass man nur einen Dogma-Film im Leben machen könnte …
Ich denke, dass man frei sein sollte, so zu produzieren, wie man möchte. Man sollte nicht zu dogmatisch sein, sondern wählen können.
Was ist Ihr nächstes Projekt?
Ich würde gerne einen Film machen über eine Frau, die nicht nur gut ist, und ein wenig zurück schlägt. Wenn der Film an irgend etwas angelehnt sein sollte, dann an dieses Lied von den Schiffen. Ein wunderbarer Text, ein wunderbarer Song.
Erstellt: 27-10-05
Letzte Änderung: 01-09-08