Wenn Sie den Anfang versäumt haben …
Es ist dunkel, man hört eine Frauenstimme: Madonna äußert sich betrübt darüber, dass ihre Welttournee, die „Blond Ambition Tour“, zu Ende ist. Der Star rückt ins Bild, schwarzweiß, auf einem Liegestuhl, auf einer Terrasse über dem Meer. Madonna gesteht ihre Verletzlichkeit in diesem für sie wichtigen Moment ein. Dann ist es Nacht, das Fest ist vorbei, Madonna ist allein und sammelt Flaschen ein. Sie sagt, dass sie nichts mehr empfinde, so wie beim Tod enger Freunde, auf den sie sich durch Kontrolle der Gefühle vorbereitet habe. Aber irgendwann komme alles wieder hoch. Madonna geht zu Bett. Ausblende, zurück zum Tourneebeginn. Erste Station: Japan. Eine Probe mit miserablem Ton, ein Abstecher hinter die Kulissen, Madonna, die ihre Tänzer bemuttert, die Open-Air-Aufführung im Regen, der Drang, in die Staaten zurückzukehren, um die Show so zu zeigen, wie sie sein sollte. Rückblick auf das erste Konzert in den USA, spektakulär, in Farbe. Wieder schwarzweiß, wieder hinter den Kulissen. Der Marathon der „Blond Ambition Tour“ hat begonnen und wird vier Monate dauern.
Das Phänomen Madonna in den Achtzigern, eine neue Madonna in den Neunzigern
Die Welt entdeckte Madonna zu Beginn der 80er-Jahre, zunächst über ihre Musik: Jeder ihrer Songs kam in die Top-Ten der Hitparaden. Dann im Kino, mit ihrem sexy-punkigen Zwiebellook, den zerzausten Haaren, Kreuzen und diversen Anhängern: als lebenshungrige und mysteriöse Susan in „Susan... verzweifelt gesucht“ (Susan Seidelman, 1985). Madonna ist ehrgeizig und nicht aufzuhalten. Tatsächlich? Ihre Musik ist erfolgreich, ihre Filme deutlich weniger. „Shanghai Surprise“ (Jim Goddard, 1986) mit Sean Penn, ihrem damaligen eifersüchtigen Gatten, „Who’s That Girl?“ (James Foley, 1987) - als Schauspielerin landete sie ein Flop nach dem anderen. Ende der 80er-Jahre wurde ihr eine Rolle als Femme Fatale in Warren Beattys „Dick Tracy“ angeboten - wieder ein mittelmäßiger Film, für Madonna aber ein Wendepunkt: Während sie in den Achtzigern einfach nur sexy wirkte, machte sie in den Neunzigern die ganze Bandbreite weiblicher Sexualität öffentlich.
Mutig
„Dick Tracy“ gehört zur „Blond Ambition Tour“. Die für den Film komponierten Songs bilden den Schlussteil der Show, und Warren Beatty, Madonnas aktueller Lover, versteckt sich hinter den Kulissen mit einem Glas in der Hand und verhält sich skeptisch: Was bringt es, das alles zu filmen? Vor allem die Alltagsszenen, z. B. den wenig glamourösen Besuch des HNO-Arztes, der Madonnas Stimmbänder retten soll? Antwort der Diva, der Frau: Aber genau das wollen die Leute doch sehen! Wirklich? Oder haben wir es hier nicht bloß wieder mit dem üblichen Vertuschungsmanöver zu tun, das darin besteht, alles offenzulegen, um das Eigentliche zu verbergen? Madonna versteht sich darauf, etwas zu sagen und dabei etwas anderes zu zeigen – und genau das macht ihre Videoclips so pikant. Aber was demonstriert sie hier? Man sieht eine anspruchsvolle, aufmerksame, fleißige Künstlerin, eine mütterliche, zuweilen barsche Chefin. Eine Provokateurin, die bereit ist, für eine Selbstbefriedigungsszene, die zu ihrer Show gehört, ins Gefängnis zu gehen. Eine Unhöfliche, die sich hinter dem Rücken von Kevin Costner über diesen lustig macht, und die mit Antonio Banderas flirtet, obwohl dessen Frau daneben steht. Ein Mädchen, das seinen Vater liebt und ehrt; eine vielleicht etwas zu dominante Schwester; eine perfektionistische Bühnenperformerin. Man spürt, dass sie sich gerne in Szene setzt, aber immer die Kontrolle behält. Madonna gibt sich keine Blößen. Was sie zeigt, ist eine Diskokugel mit hundert Facetten, aber nie ihr echtes Spiegelbild.
Auf Kampagne
John Lennons und Yoko Onos „Bed-in“ liegt 40 Jahre zurück, aber auch wenn „In Bed with Madonna“ , so der europäische Titel der Dokumentation (der Originaltitel , „Madonna: Truth or Dare“, bezieht sich auf das Partyspiel „Wahrheit oder Pflicht“, eine der Schlüsselszenen des Films), sich vage daran anlehnt, neigt man doch eher dazu, Parallelen zu einer politischen Kampagne zu ziehen. Wenn Madonna sexuelle Freiheit fordert, dann wirkt das wie ein politischer Akt. Und prompt drängt sich die Assoziation zu Raymond Depardons Film „1974, une partie de campagne“ auf, als der Regisseur den künftigen französischen Präsidenten Valéry Giscard d’Estaing während seiner Wahlkampagne porträtierte. Giscard vergaß damals zeitweise die Kamera (und bereute es bitterlich). Madonna dagegen vergisst die Kamera nie.
Jenny Ulrich
Links
- Trailer von „ Susan... verzweifelt gesucht“
- Madonna in „Dick Tracy“
- Ein Auszug aus dem „Bed-in“ von John und Yoko
- Die Website des „Musée des beaux-arts“ in Montreal, das vor kurzem das 40-jährige Jubiläum des „Bed-in“ beging (in französischer oder englischer Sprache)
- Ein Auszug von „1974, une partie de campagne“








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