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30.10.04 UM 19.00 - 01.11.04 UM 17.00 / Das FORUM der Europäer - 28/10/04

Kioto: Musterschüler Europa?

Moderation : Anne-Sophie Mercier et Matthias Beermann



Heute gilt als erwiesen, dass die Erde einem raschen Klimawandel ausgesetzt ist, der bei ungemindertem Voranschreiten verheerende Folgen für unseren Planeten haben könnte. Die Regierungen der Weltgemeinschaft einigten sich 1997 auf ein Maßnahmenpaket zur Verringerung der Treibhausgasemissionen: das so genannte Kioto-Protokoll. Seitdem hat Europa verschiedene Normen zur Umsetzung des Protokolls verabschiedet.
Doch seit sieben Jahren handelt Europa im Alleingang.

China, die Vereinigten Staaten und Russland schieben die Umsetzung der Zielvorgaben auf die lange Bank oder sprechen sich gar gegen das ihrer Meinung nach kostspielige, wenig effiziente oder zu eng gefasste Protokoll aus. In Bjørn Lomborg finden sie einen glaubwürdigen Verbündeten. Der „skeptische Umweltspezialist“ behauptet, der Erde gehe es so gut wie nie zuvor und die Klimabedrohung werde auf Kosten dringlicherer Probleme wie AIDS oder der Hunger in der Welt künstlich hochgespielt.
„Das Forum der Europäer“ konfrontiert den renommierten Statistiker mit den Argumenten derer, die sich für die Umsetzung des Kioto-Protokolls stark machen.

Studiogast: Bjørn Lomborg

Der Däne Bjørn Lomborg (40 Jahre) ist Professor für Statistik an der politikwissenschaftlichen Fakultät der Universität Aarhus in Dänemark. Bei einem Besuch in Kalifornien stößt er 1996 im Magazin Wired auf ein Porträt des Wirtschaftswissenschaftlers und Umweltschutzgegners Julian Simon, der durch seine Behauptung bekannt wurde, das Problem der Erschöpfung der Ressourcen der Erde existiere nicht. Zurück in Dänemark stellt er seinen Studenten im Rahmen eines Projekts die Aufgabe nachzuweisen, dass die von Simon zugrundegelegten statistischen Daten falsch sind. Der Nachweis gelingt nicht. Ausgehend davon macht sich Lomborg an die Überprüfung einer Reihe von Aussagen der Umweltschützer und gelangt zu dem Schluss, dass diese in vielen Fällen einer wissenschaftlichen Grundlage entbehren.
In einer Rezension seines 2001 veröffentlichten Buchs „The Skeptical Environmentalist“ sprach die Tageszeitung „The Times“ von einem neuen „Martin Luther der Umweltforschung“ und bezeichnete den Autor als eine der 100 einflussreichsten Persönlichkeiten der Welt.
In seinem Buch vertritt er u.a. die folgenden Thesen:
-Die Welt leidet nicht an Überbevölkerung
-Wir sind in der Lage, alle Menschen auf der Erde zu ernähren
-Es gibt weder eine Erschöpfung der Energiereserven noch der sonstigen Ressourcen
-Luftverschmutzung und andere Umweltbelastungen nehmen nicht zu
-Die Erwärmung des Erdklimas ist wahrscheinlich nicht auf den Einfluss des Menschen zurückzuführen


DIE REPORTAGEN

Europa allein auf weiter Flur

Europa hat sich als einziger politischer Pol eindeutig zur Umsetzung des Kioto-Protokolls bekannt, das eine Reduzierung der Treibgas-Emissionen auf den Stand von 1990 vorsieht. Während sich die USA, China und Russland* weigern, das von ihren Vertretern in Kioto unterzeichnete Protokoll zu ratifizieren, hält Europa an seiner Verpflichtung fest. Zu recht? Oder ist Europa aus Leichtgläubigkeit zu weit vorgeprescht? Rückblick auf den Verhandlungsprozess: Archivbilder belegen die Halbherzigkeit der weltweit größten Schadstoffverursacher, das Lavieren Russlands und die Zweifel der Europäer.


Porträt eines Klimaforschers und Kioto-Aktivisten

Bjørn Lomborgs 750 Seiten umfassendes Opus stieß nicht nur bei Umweltschützern, sondern auch bei Klimaforschern auf harsche Kritik. Letztere sehen die Erderwärmung als eine schwerwiegende Bedrohung, vor allem für den europäischen Kontinent, an und halten das Kioto-Protokoll für eine zwar unzureichende, doch unverzichtbare Maßnahme. Porträt eines glühenden Verteidigers des Kioto-Protokolls.

Die britischen Firmen rüsten sich

Manchen Firmen, die zuvor zu den stärksten Widersachern des Kioto-Protokolls gehörten, gelingt die Anpassung an die neuen Normen oft erstaunlich gut. Ihre Investitionen zur Verringerung des CO2-Ausstoßes haben sich teilweise positiv auf die Arbeitsorganisation ausgewirkt. Und jene Unternehmen, die aufgrund ihrer Produktion nicht unter die Eindämmungspflicht fallen sind, veräußern ihre Emissionsrechte. Bei dieser neuen Art des „Börsenhandels“ kaufen große Schadstoffemittenten die nicht benutzten Quoten anderer Firmen. Beispiel: Großbritannien, ein Land, wo Kioto nicht als wirtschaftlicher Nonsens abgetan wird.

*A.d.Ü.: Nachtrag (Quelle: Website der Bundesregierung: http://www.bundesregierung.de/Nachrichten/Artikel-,434.722593/artikel/Chancen-fuer-Inkrafttreten-des.htm)
Die russische Regierung hat am 30. September 2004 einen Gesetzentwurf zur Ratifizierung des Kioto-Protokolls auf den Weg gebracht. Jetzt muss das russische Parlament noch zustimmen. Wenn die Duma das Gesetz verabschiedet und Russland das Abkommen ratifiziert, kann das Kioto-Protokoll in wenigen Monaten in Kraft treten.
Die Entscheidung der russischen Regierung wurde einhellig begrüßt. Bundeskanzler Gerhard Schröder kommentierte: "Ich freue mich über diese Entscheidung." Er habe in vielen Gesprächen mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin, bei denen er mehrfach auf die Notwendigkeit einer Ratifizierung durch Russland hingewiesen habe, immer den Eindruck gehabt, dass sich die russische Seite der Bedeutung des Protokolls bewusst sei. Deshalb sei er auch nicht überrascht über die jetzt getroffene Entscheidung.
Bundesumweltminister Jürgen Trettin begrüßte ebenfalls die russische Entscheidung und zeigte sich zuversichtlich, dass das russische Parlament den Gesetzentwurf bald verabschiedet.


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Das Forum der Europäer
samstags um 19.00 Uhr
Wiederholung montags um 17.00 Uhr

Erstellt: 28-10-04
Letzte Änderung: 28-10-04