16/09/08
Mitten in Europa
Dort, wo Beschneidung Tradition ist kommt man mit Argumenten nur schwer dagegen an. Sogar und gerade im Exil wird die Tradition weitergeführt. Deshalb sind auch junge afrikanische Mädchen in Europa vor der Beschneidung nicht sicher. Aufklärung oder strenge Überwachung durch den Staat : Nicht alle Länder gehen den selben Weg.
Infolge von Zuwanderung aus Gebieten, in denen weibliche Beschneidung praktiziert wird, tritt Genitalverstümmelung vermehrt auch in europäischen Ländern auf. Familien lassen Beschneiderinnen einfliegen oder schicken ihre Tochter zur Verstümmelung in Heimaturlaub. In allen EU-Staaten fällt FGM unter den Tatbestand der Körperverletzung, einige wenige europäische Staaten stellen sie explizit unter Strafe (Belgien, Dänemark, Großbritannien, Italien, Norwegen, Österreich, Schweden und Spanien) Bei einer Verurteilung drohen Geld – und zum Teil auch Gefängnisstrafen.
Großbritannien
Layla Mohamed, 21 Jahre alt, wurde in Liverpool geboren. Weil Genital-Verstümmelung von Frauen in England verboten ist, ließen ihre Eltern sie im Alter von sechs Jahren während eines Sommerurlaubs in Afrika beschneiden. Jetzt könnte sie ihre eigenen Eltern anzeigen, denn ein spezielles Gesetz gegen die Genital-Verstümmelung, das 2004 sogar noch verschärft wurde, verbietet heute die Beschneidung jeder britischen Einwohnerin auch außerhalb der Landesgrenzen, aber so weit gehen nur die wenigsten. In Großbritannien ist das Hilfsnetzwerk gut ausgebaut, es gibt sogar Kliniken, die auf afrikanische Patientinnen spezialisiert sind, aber polizeiliche Ermittlungen bleiben am Ende meist folgenlos. Die britische Toleranz gegenüber anderen Kulturen ist groß und im Kampf gegen Beschneidungen nicht sehr hilfreich Die größte Hilfsorganisation Forward weiß nicht einmal, ob die Zahl heimlicher Beschneidungen in England wesentlich abgenommen hat. Forward-Direktor Adwoa Kluvitse muss immer wieder fest stellen, wie wenig das Gesetz überhaupt bekannt ist : "Aller Wahrscheinlichkeit nach weiß man in den afrikanischen Gemeinschaften, die nicht so gut integriert sind, überhaupt nichts über das Verbot. Wir wissen, dass viele Mädchen trotz des Verbots nach Afrika geschickt und dort beschnitten werden."
Frankreich
Frankreich ist Vorreiter in Europa: ein enges Netz der Überwachung wie hierzulande gibt es sonst nirgendwo. Obwohl hier Beschneidungen bereits seit 1979 verboten sind, beobachteten Hilfsorganisationen in den letzten Jahren unter den Einwanderern einen besorgniserregenden Anstieg vor allem der Infibulationen, der schwersten Art der weiblichen Beschneidung. Isabelle Gilette-Faye, Direktorin der Hilfsorganisation GAMS, erklärt sich diese Tatsache mit einem erstarkten afrikanischen Selbstbewusstsein, "aber auch mit dem Aufstieg des Islamismus, denn viele Leute glauben, dass die Beschneidung eine fromme Tat ist. "
Seit 2006 machen sich auch in Frankreich alle Personen strafbar, die ihre Töchter beschneiden lassen, egal ob in Frankreich oder im Ausland. Im Gegensatz zu Großbritannien wird das Gesetz konsequent angewendet : Bei insgesamt 35 Prozessen wurden bisher über 100 Eltern angeklagt, mehere Väter bekamen bis zu einem Jahr Gefängnis. 1999 wurde in einem spektakulären Prozess eine 60-jährige Beschneiderin aus Mali zu 8 Jahren Haft verurteilt. Hawa Gréou verstümmelte Hunderte, wenn nicht Tausende von Babys. Sie versteht sich nach wie vor als "gute Beschneiderin", sie habe sich den Bitten der Familien nicht verweigern können. In den langen Jahren im Gefängnis hat sie ihren Beruf aber auch hinterfragt, gemeinsam mit der damaligen Anklägerin Linda Weil-Curiel möchte sie jetzt ein Buch herausbringen.
Eine strenges Überwachungssystem stellt in Frankreich zudem sicher, dass Beschneidungen nicht heimlich weiter durchgeführt werden. Um die betroffenen Frauen zu erreichen, werden städtische Gesundheits-Profis von Mitarbeitern der GAMS trainiert – einer privaten Hilfsorganisation, in der auch Afrikanerinnen mitarbeiten. Ärzte, Krankenschwestern und Hebammen unterliegen einer Meldepflicht, wenn sie eine Genitalverstümmelung feststellen. Nach einem Heimaturlaub kann im Zweifelsfall eine Untersuchung des Kindes angeordnet werden, im schlimmsten Fall kann der Familie das Recht zur Ausreise entzogen werden. Oft sind es auch die Eltern selbst, die um Hilfe bitten, weil sie sich dem Druck der Familie in der Heimat nicht verwehren können. Mitarbeiter können in solchen Fällen zum Beispiel Zertifikate ausstellen, die auf das Risiko einer Gefängnisstrafe für die Mutter hinweisen Beschneidung ist heute in Frankreich zwar nicht ganz ausgemerzt, aber doch stark zurückgegangen.
Deutschland
In Deutschland gelten nur die allgemeinen Gesetze gegen Körperverletzung, wenn Eltern ihre Tochter im Ausland beschneiden lassen, können sie bisher juristisch nicht belangt werden. Die Hilfsorganisation Terre des Femmes schätzt die Zahl der betroffenen Frauen in Deutschland auf rund 20 000 und fordert, dass die Beschneidung als eigener Straftatbestand eingeführt wird. In einem einzigen Fall wurde bisher den afrikanischen Eltern die Ausreise mit ihrer Tochter verboten, um deren Beschneidung zu verhindern.
Wichtiger als Strafverfolgung, glauben die Frauen der Berliner Initiative "Mama Afrika", ist Aufklärung und Überzeugungsarbeit. Denn nach wie vor stoßen Mitarbeiter bei bei Vorträgen in Schulen auf viel Unwissen.
Einen großen Erfolg haben die Frauenorganisationen in allen drei Ländern erkämpft : In Frankreich ebenso wie in Deutschland und England gilt eine drohende Beschneidung als Asylgrund.
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FGM - Die Verstümmelung der Töchter
6.02.2007, ab 20.40 Uhr
Themenabend
Erstellt: 31-01-07
Letzte Änderung: 16-09-08