Ziel: erneuerbare Energien
Der Energieverbrauch der Europäischen Union wird heute zu 8,5% mit erneuerbaren Energien abgedeckt. In Frankreich liegt dieser Prozentsatz bei 10%, in Deutschland um die 6% und in Großbritannien bei gerade einmal 1,3%. Genau wie Wasserkraft, Sonnenenergie (Europa verfügte letztes Jahr über mehr als 20 Millionen Solarzellen) und Windkraft ist auch Geothermie eine vielversprechende Energiequelle. Allein mit der europäischen Windenergieproduktion kann der Strombedarf von Dänemark und Ungarn abgedeckt werden.Mit 350 000 Arbeitsplätzen und einem Jahresumsatz von 30 Milliarden Euro steht die Europäische Union bei der Entwicklung erneuerbarer Energien weltweit an der Spitze. Kein Grund allerdings, sich im Kampf gegen den Klimawandel nicht noch besser aufzustellen. Doch worin genau besteht eigentlich die Bedrohung? Am augenfälligsten sind wohl das Schmelzen der Pole und der beständige Rückgang der Gletscher. Dadurch steigt der Meeresspiegel – im 20. Jahrhundert waren es bereits mehr als 20 Zentimeter. Das größte Langzeitrisiko geht von der Zunahme des Treibhauseffektes infolge der Emission von Gasen wie Kohlendioxid aus. Dies zieht vor allem die Artenvielfalt auf der Erde in Mitleidenschaft.
Globales Durcheinander
Zum Beispiel wird sich die Weinindustrie auf frühere Traubenlesen einstellen müssen. Außerdem werden die Weine einen höheren Alkoholgehalt, dafür aber weniger Säure und Aroma haben. Auch die Farbe des Weins wird sich verändern, und schließlich müssen die Winzer mit neuen Rebkrankheiten rechnen. Dieses Thema steht vom 14. bis 16. Februar 2008 auf der Tagesordnung des 2. Weltkongresses über Klimawandel und Weinwirtschaft in Barcelona.Laut einer Studie des US Geological Survey (Bundesinstitut für klimatische und seismologische Untersuchungen), die am 1. Februar 2008 in der Zeitschrift Science erschien, werden durch die Klimaerwärmung alle bisherigen Schätzungen bezüglich des Wasserbedarfs auf den Kopf gestellt. Denn aufgrund erhöhter Luftfeuchtigkeit nehmen die Wassermengen zu, gleichzeitig steigt aber auch die Gefahr einer Versalzung der Süßwasservorräte. Am meisten davon bedroht sind die nördlichsten Breitengrade der Nordhalbkugel sowie bestimmte Tropengebiete. Mit regelmäßigen Trockenperioden ist dagegen im Mittelmeer- raum, in Nordafrika und im Südwesten der USA zu rechnen. Aufgrund des damit zusammenhängenden Verschwindens von Kulturpflanzen wie Mais und Reis sind auch Hungersnöte nicht auszuschließen. Manche Experten gehen davon aus, dass diese Entwicklung nicht nur zu bedeutenden Bevölkerungsmigrationen führen wird (Stichwort Klimaflüchtlinge), sondern in verschiedenen Regionen auch bewaffnete Konflikte nach sich ziehen könnte.
Grundsätzliche Einigung in Bali und Klimapaket der EU
All diese Fragen wurden im Dezember 2007 auf der Weltklimakonferenz in Bali aufgelistet. In einem Kraftakt einigten sich die 187 Teilnehmerstaaten des UN-Klimagipfels darauf, die Verhandlungen über ein neues Abkommen zur Bekämpfung der Erderwärmung schon im März 2008 aufzunehmen und bis 2009 zum Abschluss zu bringen. Als Nachfolgeabkommen des 1997 unterzeichneten Klimaprotokolls soll „Kyoto 2“ dann 2013 in Kraft treten.Parallel dazu leitete die Europäische Kommission am 23. Januar 2008 mit ihrem „Klimapaket“ eine Reihe von radikalen Maßnahmen ein, die der Welt ein Beispiel geben sollen. Brüssels historischer Plan, der die EU-Bürger laut Kommissionspräsident José Manuel Barroso drei Euro pro Kopf kosten wird, verpflichtet die Industrie zur Einhaltung neuer Auflagen. Insbesondere sollen 20% der Energie bis 2020 aus erneuerbaren Quellen stammen (Deutschland:18%, Frankreich: 23%), wobei der Anteil von Biotreibstoff 10% betragen soll.
Eine weitere wichtige Maßnahme des Klimapakets ist die geologische CO2-Speicherung (in leeren Erdöl- und Erdgasfeldern oder verschmutzten Grundwasserleitern), die streng überwacht werden soll. In der Nordsee, in Algerien und in Südwestfrankreich sind bereits mehrere solcher CO2-Lager geplant. Doch die Umweltorganisationen stehen diesem Vorhaben mit äußerster Skepsis gegenüber, denn aus einem Bericht des Klimarates geht hervor, dass 99% des in diesen Speicherstätten gelagerten Gases auch nach 100 oder gar 1000 Jahren noch vorhanden sind.
Finanzierung und wirtschaftliche Auswirkungen
EU-Industriekommissar Günter Verheugen sprach sich aber gegen „wirtschaftlichen Selbstmord“ aus, denn die Konversion der europäischen Wirtschaft wird die EU 2020 0,5% ihres BIP kosten, also 60 Milliarden Euro. Und der Strompreis wird 2020 um 10 bis 15% steigen. Dem stehen aber auch Ausgabenverringerungen gegenüber: So fallen jährlich 50 Milliarden Euro für Energie-Importe weg, und 11 Milliarden Euro können bei der Überwachung der Luftqualität eingespart werden. Vor allem aber werden in den Wirtschafts- zweigen Energieeffizienz und erneuerbare Energien eine Million Arbeitsplätze entstehen. Voraussetzung dafür ist, dass die EU bis 2020 ihre Führungsposition in diesen Bereichen ausbaut.Der „Klimawandel (wird) sehr schwerwiegende Auswirkungen auf Wachstum und Entwicklung“ haben.Vielleicht ist dies ja die „dringende und unabdingbare Antwort“, die der Wirtschaftsexperte und ehemalige Chefökonom und Vizepräsident der Weltbank Nicholas Stern 2006 in seinem Bericht über die wirtschaftlichen Folgen des Klimawandels mit Nachdruck forderte. Laut Stern wird der „Klimawandel sehr schwerwiegende Auswirkungen auf Wachstum und Entwicklung“ haben, denn seine Kosten dürften in den nächsten 10 Jahren etwa 7000 Milliarden Dollar betragen und damit insgesamt höher werden als die beiden Weltkriege und die Weltwirtschaftskrise von 1929 zusammengenommen.
Sir Nicholas Stern, britischer Wirtschaftsexperte
Zur gleichen Einschätzung kommt die Welternährungsorganisation der UNO (Food and Agriculture Organization). Die OECD geht davon aus, dass die größten Verlierer dieser verheerenden Situation die Entwicklungsländer sein werden. Nur China könnte ökonomischen Nutzen daraus ziehen, denn seine Getreideproduktion würde um 15% steigen.
Zu den vom Klimawandel betroffenen Wirtschaftszweigen zählt auch der Tourismus: Rückgang der Wassersportaktivitäten, Hitzewellen, zu wenig oder überhaupt kein Schnee und damit weniger Wintersport. Auch der Wohnungsbau wird sich verändern. Gefragt sind künftig Baustoffe mit noch besserer Wärmedämmung, die strengen Umweltauflagen gerecht werden. Und die Energie wird künftig wohl eher für Klimaanlagen als zu Heizzwecken benötigt.
Alexis Fricker







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