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12/08/08

Zweisprachigkeit - Chance oder Risiko?

Kinder, die mehrsprachig aufwachsen, haben eine einmalige Chance. Das haben Hirnforscher bestätigt. Sie lernen eine zweite oder auch dritte Sprache mühelos und akzentfrei – zumindest wenn sie in der frühen Kindheit damit beginnen. Und dabei müssen sie sich noch nicht einmal besonders anstrengen. Ihr Gehirn lernt nur durch Zuhören die wichtigsten Strukturen ihrer Muttersprachen.

Sie sind etwas Besonderes. Kinder, die mit mehreren Sprachen aufwachsen, können bereits in jungen Jahren etwas, wofür andere ein Leben lang brauchen. Scheinbar mühelos überwinden sie Sprachbarrieren. Doch ist Zweisprachigkeit wirklich ein Kinderspiel ?

Die achtjährige Lissenn Krieger spricht - seit sie denken kann - Deutsch mit der Mutter und Französisch mit dem Vater. Als erstes Kind in der Familie hat Lissenn beide Sprachen von Geburt an gelernt. Experten nennen das den doppelten Erstspracherwerb. Jedes Neugeborene – das wissen Forscher heute - startet mit denselben Voraussetzungen – egal ob es aus einem einsprachigen oder zweisprachigen Elternhaus stammt. Ein Baby prägt sich alle Laute ein, die es oft hört und ahmt sie nach. Aus den ersten Lauten entstehen später Worte und Sätze. Spätestens mit vier Jahren haben Kinder die Grundlagen der Grammatik von alleine entschlüsselt. Das gilt für eine, aber auch für zwei Erstsprachen. Mann weiß heute ebenfalls, dass Kinder beide Sprachen mit derselben Geschwindigkeit erwerben.

Forscher aus Basel gehen der Frage nach, was im Gehirn von Menschen passiert, die zwei Sprachen gleichzeitig lernen. Sie untersuchen zwei Gruppen von Probanden. Die „frühen Mehrsprachigen“, die mit zwei Sprachen aufgewachsen sind und später eine dritte gelernt haben. Und die „späten Mehrsprachigen“, die einsprachig aufgewachsen sind, aber ebenfalls zwei weitere Sprachen sprechen. Alle Probanden sollen sich verschiedene Tageszeiten vorstellen und dann – nur in Gedanken - Freunden dazu Geschichten erzählen. Die Forscher messen dabei die Hirnaktivität.

Werden mehrere Sprachen gleichzeitig vor dem dritten Lebensjahr erlernt, so ein Ergebnis der Untersuchungen, legt das Gehirn sie im selben neuronalen Netzwerk ab. Dort können sie leicht abgerufen werden. Jede später erlernte Sprache wird in das Netzwerk integriert. Dagegen müssen Menschen, die einsprachig aufwachsen und später Fremdsprachen erlernen, für jede Sprache ein eigenes neuronales Netzwerk aufbauen. In den meisten Fällen also nutzen die Gehirne von Menschen, die zweisprachig aufwachsen, ein neuronales Netzwerk für alle Sprachen. Ihr Gehirn arbeitet damit effektiver. Leider geht diese Fähigkeit schon ab dem dritten Lebensjahr allmählich verloren.

In einem zweiten Schritt untersuchten ie Schweizer Forscher, wieso zweisprachige Menschen ihre Sprachen so leicht trennen können. Die Antwort: ein eigenes Areal ordnet das Gehörte sofort der einen oder anderen Sprache zu. Zweisprachige Kinder sind offenbar geistig besonders flexibel. Sie sind kreativer, haben ein besseres Raumvorstellungsvermögen, sie lernen leichter zusätzliche Sprachen und haben ein besonders gutes Sprachempfinden. Alle diese Vorteile können die Kinder später in der Schule und in ihrem sozialen Leben nutzen.

Wie lernen Kinder richtig?
Damit mehrsprachige Kinder keine Fehler lernen, sollten sie ihre Muttersprachen nur von Muttersprachlern hören. Eine Erkenntnis, die besonders bei Kinder aus Familien mit Migrationshintergrund zum Tragen kommt. Mehrsprachigkeitsforscher empfehlen allen Eltern, stets nur in ihrer Muttersprache mit ihren Kindern zu sprechen. Die Sprache des Gastlandes erlernen kleine Kinder mit entsprechender Förderung leicht in der Kindertagesstätte bzw. im Kindergarten.

Je früher ein Kind die zweite Sprache lernt, desto leichter tut es sich. Im Mannheimer Kindergarten „Rheinauer Ring“ lernen eine Menge Kinder mit drei Jahren eine zweite Sprache. Die Sprache ihres Gastlandes: Deutsch. Türkische, russische oder italienische Lieder und Spiele sind für die zweisprachigen Kinder etwas ganz Besonderes. Sie strahlen, wenn auch ihre Sprache einmal im Mittelpunkt steht. Viele Erzieher können das gut verstehen. Sie sind selbst zweisprachig aufgewachsen und hoffen, dass diese Kinder Sprachen als Bereicherung erleben.

Das wünscht sich auch die Kindergartenleiterin Hansi Weber. Die regelmäßigen ärztlichen Sprachuntersuchungen zeigen, dass sie mit ihrem Team auf dem richtigen Weg ist: "Es wurde schon festgestellt, dass diese Maßnahmen Erfolge zeigen, dass die Kinder ein besseres Sprachverständnis haben in der Schule und dass sie sprachlich fitter sind."

Sprachen sind etwas sehr Emotionales. Nicht selten fühlen sich zweisprachige Kinder mit einer Sprache wohler. Kinder ahmen das Verhalten der Eltern nach, vor allem wenn diese viel zwischen den Sprachen hin- und herspringen. Wenn aber der Vater konsequent eine Sprache spricht – zum Beispiel Französisch – und die Mutter eine andere Sprache – zum Beispiel Deutsch - dann trennen auch die Kinder die Sprachen deutlich.


Gibt es Risiken bei einer zweisprachigen Erziehung?
Immer noch befürchten einzelne Ärzte und Erzieher, dass Mehrsprachigkeit Sprachstörungen auslösen kann. Neueste Forschungsergebnisse können diese Befürchtung jedoch nicht bestätigen. Etwa 5 % aller Kinder entwickeln ihre Sprache nicht altersgerecht – egal, ob sie mit einer, zwei oder drei Muttersprachen aufwachsen. Sprachstörungen wie Disgrammatismus, Artikulationsprobleme, Stottern oder Entwicklungsverzögerungen sind keine Folge besonderer Belastung und können meistens durch Logopäden therapiert werden.

Die schwierigste Phase ist die Schulzeit. Kinder entwickeln dann oft eine starke und eine schwache Sprache. Die Schulsprache beginnt zu dominieren. Lissenn hat das Glück, an einer zweisprachigen Schule zu sein. Seit der Vorschule besucht sie die Straßburger Privatschule „Les Mickele“. Diese ging aus der elsässischen Elterninitiative „ABCM-Zweisprachigkeit“ hervor und ist staatlich anerkannt. Die Deutschlehrerinnen kommen aus Deutschland, die Französischlehrerinnen aus Frankreich. Der Unterricht findet abwechselnd auf deutsch und französisch statt – pro Tag eine Sprache. In der Schule sind viele Kinder, bei denen zuhause nur deutsch oder französisch gesprochen wird, und auch sie kommen gut mit beiden Sprachen zurecht.

Damit die Kinder ihre Sprachen noch besser trennen können, haben die Lehrerinnen auch die Fächer aufgeteilt. Erdkunde und Geschichte wird nur auf französisch gelehrt, Mathematik nur auf deutsch. Im Sportunterricht hören die Kinder beide Sprachen. Die enge Zusammenarbeit der beiden Klassenlehrerinnen ermöglicht es Lissenn und ihren Schulkameraden, Französisch und Deutsch gleichwertig weiterzuentwickeln.

Der Countdown ins Leben – auch mit zwei Sprachen muss er nicht schwieriger sein. Mehrsprachigkeit ist – gerade in Europa – eine einmalige Chance. Und das Schönste: jedes Kind bringt die Voraussetzungen dafür mit.

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HIPPOKRATES - Gesundheitsmagazin
Dienstag, 18. November 2005 um 14.45
Redaktion: Heidemarie Petters Koproduktion ZDF -ARTE G.E.I.E.

Erstellt: 14-10-05
Letzte Änderung: 12-08-08