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07/04/06

Borderline-Syndrom

Wenn die Vergangenheit krank macht


Etwa 2 % der Bevölkerung leiden unter der sogenannten Borderline-Persönlichkeitsstörung. Dabei handelt es sich um eine psychische Erkrankung, bei der die Emotionsregulation gestört ist.

Die Betroffenen können mit ihren Gefühlen nicht richtig umgehen. Sie reagieren sensibler gegenüber äußeren Reizen. Ihre außergewöhnlichen Verhaltensweisen machen ein Zusammenleben mit Freunden, Familie oder Bekannten kompliziert. Auch die berufliche Zusammenarbeit mit Kollegen am Arbeitsplatz gestaltet sich schwierig. Ihr Alltag ist geprägt von vielen Problemen:

Symptome: Borderline hat viele Gesichter
Die Borderline-Persönlichkeitsstörung zeichnet sich durch vielfältige Symptome aus, die bei jedem Betroffenen mehr oder weniger stark ausgeprägt sind: Typisch sind Stimmungsschwankungen, Schwarz-Weiß-Denken und Realitätsverlust. Die meisten fühlen sich minderwertig, nicht annehmenswert. und haben ein falsches Selbstbild. Viele leiden unter starken Trennungsängsten: der Grund für ihr starkes Kontrollbedürfnis gegenüber ihrer Mitmenschen. Manche leiden unter den gefürchteten "dissoziativen Zuständen", in die Traumatisierte geraten, wenn sie durch einen beliebigen Auslöser an ein schlimmes Erlebnis erinnert werden.

Viele Betroffene erleben sich als unwirklich oder fremd, nicht zu dieser Welt gehörend. Und sie leiden enorm unter ihrer emotionalen Taubheit und ihrer inneren Leere. Die Betroffenen flüchten sich in Depressionen und Selbstverachtung, in Isolation und Einsamkeit. Das Leben eines Borderliners ist geprägt von Angst. All diese Verhaltensweisen bringen große Probleme mit sich. Ein normales Leben zu führen ist fast nicht möglich. Immer wieder geraten Borderliner in Krisen. Sie benötigen Hilfe von Betreuern, Therapeuten oder Ärzten. Manche müssen sogar zwangsweise in die Klinik eingewiesen werden. Die meisten Betroffenen haben unzählige Therapien und Klinikaufenthalte hinter sich. Auffallend ist die hohe Selbstmordrate. Fast 10 % der Betroffenen nehmen sich das Leben.

Selbstverletzungen
Menschen mit Borderline-Persönlichkeitsstörungen stehen unter einem enormen Leidensdruck. Viele Betroffene lassen ihre nicht ausgelebten Gefühle wie Trauer, Wut oder Aggressivität an sich aus und fügen sich selber Schaden zu. Selbstverletzungen oder Autoaggressionen gehören zum Krankheitsbild. Häufig kommt es zu offenen Verletzungen. Viele schneiden sich tiefe Wunden in die Haut. Andere reißen sich Haare am ganzen Körper raus oder schlagen mit dem Kopf gegen die Wand. Nicht selten kommt es zu starken Blutergüssen und zu Verletzungen, die ärztlich behandelt werden müssen. Doch es sind nicht immer äußerliche Verletzungen, die den Betroffenen zu schaffen machen. Es gibt verschiedene Arten, sich selbst zu verletzen: Beispielsweise durch riskantes Auto fahren oder Essstörungen. Durch Spielsucht oder Drogenkonsum. Viele Borderliner setzen sich bewusst immer wieder gefährlichen Situationen aus: um sich selbst wahrzunehmen. Um die Wirklichkeit zu spüren. Borderliner haben nicht gelernt, mit ihren Gefühlen richtig umzugehen. Es hilft den Betroffenen, innere Spannungen abzubauen. Für manche ist es eine Art "Anfall", der nach der Verletzung in einer riesigen Erschöpfung und Kraftlosigkeit endet. Oder auch ein Ruf nach Hilfe!

Diagnose
Die Diagnosestellung ist nicht immer einfach. Sie orientiert sich an den amerikanischen DSM-IV Kriterien und wird anhand eines Neun-Punkte-Katalogs gestellt: Schwarz-Weiß-Denken, extreme Stimmungsschwankungen, Panische Angst vor dem Alleinsein bzw. starke Trennungsängste gehören dazu, ein düsteres Selbstbild, selbstzerstörerische Verhaltensweisen, wie riskantes Autofahren, Esssucht, Spielsucht oder Drogenkonsum), Selbstmordgedanken und -versuche; schwer kontrollierbare Wutausbrüche, ein chronisches Gefühl der Leere – und die gefürchteten "dissoziativen Zustände", in die Traumatisierte geraten, wenn sie durch einen beliebigen Auslöser an ihr schlimmes Erlebnis erinnert werden. Wer fünf der neun Kriterien erfüllt, gilt als Borderline-positiv.

Ursache
Traumatische Erlebnisse, mangelnde Zuwendung, chaotische Familienverhältnisse sind häufige Ursachen. Vielen Borderlinern wurde meist in der Kindheit großen Schaden zugefügt. Nicht alle - aber viele - wurden sexuell missbraucht oder misshandelt. Oft haben auch mangelnde Geborgenheit oder Zuwendung ihre zarte Kinderseele verletzt. Viele Eltern von Betroffenen waren nicht in der Lage, ihren Kindern die Liebe und Anerkennung zu geben, die ein Mensch zum unbeschadeten Aufwachsen braucht. Eine solche Biographie kann niemand verkraften. Sie beeinflusst die Entwicklung ihrer ganzen Persönlichkeit. Die Kinder leiden enorm unter diesen Belastungen. Und sie lernen, die zerstörten Gefühle auf eine andere Art und Weise zu verkraften.

Aber nicht jeder, der Schlimmes in seiner Kindheit oder Jugend erlebt hat, wird automatisch zu einem Borderliner. Fachleute sehen den Ursprung dieser Erkrankung vielmehr in einer ungünstigen Kombination sozialer und biologischer Faktoren. Forscher haben herausgefunden, dass bestimmte Gebiete im Gehirn, dem sogenannten limbischen System, strukturelle und funktionelle Veränderungen vorzufinden sind. Es handelt sich dabei um die Hirnregionen, die für die Gefühlssteuerung verantwortlich sind!

Therapie
Borderline ist nicht heilbar. Aber die Betroffenen können lernen, mit ihren Krisen besser umzugehen. Und sie können lernen im Alltag und mit ihren Mitmenschen besser zurechtzukommen. Um aus den Krisen herauszukommen brauchen sie professionelle Hilfe. Je nachdem, wie schwerwiegend die Störung bei jedem Einzelnen ist, sind ambulante Therapien oder stationäre Aufenthalte erforderlich.

Die Dialektische Behaviorale Therapie
Seit Anfang der Neunziger werden in Deutschland immer mehr Patienten mit der sogenannten Dialektischen Behavioralen Therapie – kurz DBT – behandelt. In sogenannten Skills sollen spezifische Fertigkeiten vermittelt werden. Sie sollen helfen, gestörte Gefühle frühzeitig wahrzunehmen und mit Stresssituationen besser umgehen zu können. Untersuchungen zeigen, dass sich mit Hilfe von DBT die Anzahl und Dauer der Klinikaufenthalte reduzieren lassen.


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HIPPOKRATES - Gesundheitsmagazin
Dienstag, 11. April 2006 um 14.00 Uhr
Redaktion: Heidemarie Petters
Koproduktion ZDF-ARTE G.E.I.E.

Erstellt: 07-04-06
Letzte Änderung: 07-04-06