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20/06/06

Placebo - die Kraft der Einbildung

Gesund werden aus eigener Kraft - das steckt hinter dem Placeboeffekt. Studien konnten nachweisen, dass die Erwartung einer Schmerzlinderung die Pein verschwinden lässt. Und dies aufgrund nur scheinbarer medizinischer Unterstützung.

Unter Placebos versteht man Scheinbehandlungen und Scheinmedikamente: wirkstofffreie Präparate, die aber genauso aussehen und schmecken wie echte Medikamente. In den Studien hat sich auch gezeigt: Je aufwendiger die Placebos - Pillen, Spritzen oder Operationen - desto stärker ist ihre Wirkung.

Definition Placebo  

Das Wort Placebo kommt aus dem Lateinischen und bedeutet so viel wie: "Ich werde Gutes tun".  Placebos werden in der Medizin in Studien eingesetzt, um herauszufinden, wie groß die tatsächliche Wirkung eines neuen Medikamentes ist. Das Prinzip dieser Studien: Eine Hälfte der Patienten erhält den echten Wirkstoff, die andere Hälfte das Placebo. Ist die Studie "doppelt blind", wissen weder Patient noch Arzt, wer das echte Präparat erhält und wer ein Scheinmedikament bekommt. Solche Studien haben einen besonders hohen Stellwert in der medizinischen Forschung.

 

Scheinmedikamente mit positiver Wirkung

Das spannende ist: Auch die Scheinmedikamente können bei Testpersonen eine positive Wirkung entfalten; dann spricht man vom Placeboeffekt. So zeigen Placebotabletten, obwohl sie nur aus Zucker bestehen, im Durchschnitt bei rund 30 Prozent der Patienten einen positiven Effekt, egal, ob bei der Behandlung von Schmerzen oder Depressionen.

Beim Placeboeffekt spielt vor allem die Erwartung des Patienten, dass eben diese Substanz ihm helfen möge, eine entscheidende Rolle. Diese Erwartung ist eng mit dem Vertrauen in den behandelnden Arzt verbunden.

 

Wie lässt sich der Placeboeffekt erklären?

Wahrnehmung, Glauben, Hoffnung und andere psychologischen Prozesse führen im Gehirn zur Ausschüttung so genannter Botenstoffe. Diese Botenstoffe haben immunologische, also das Immunsystem verändernde Effekte.

Dass Scheinmedikamente zu solchen deutlich messbaren Veränderungen im Gehirn führen, konnten amerikanische Wissenschaftler inzwischen mit Hilfe von bildgebenden Verfahren (Kernspintomographie) sichtbar machen (Quelle: Science, Bd. 303, S.1162).

 

Verblüffung in der Schmerztherapie

Auf dem Gebiet der Schmerztherapie ist die Forschung besonders weit gediehen. So haben Wissenschaftler herausgefunden, dass der Mensch in extremen Stresssituationen in der Lage ist, durch das Ausschütten von körpereigenen Substanzen das Empfinden von Schmerz soweit zu unterdrücken, dass er ihn fast nicht mehr wahrnimmt.

Hier spielt vor allem die Ausschüttung körpereigener Opiate eine wichtige Rolle. Ein durchaus sinnvoller Mechanismus der Natur, um zum Beispiel bei Gefahr auch verletzt noch flüchten zu können. Durch Studien konnte belegt werden, dass man diesen Mechanismus auch durch eine Erwartungshaltung in Gang setzen kann.

 

Je eingreifender die Behandlung, desto stärker der Placeboeffekt. 
Doch nicht nur Kapseln oder Tabletten können Träger solcher Placeboeffekte sein. In klinischen Studien werden wirkstofffreie Substanzen auch als Spritzen verabreicht und zeigen in dieser Form oft noch bessere Erfolge. Je eingreifender die Behandlung, desto stärker der Placeboeffekt. 
Es erscheint logisch, dass auch Operationen nicht frei von solchen Placeboeffekten sind. Derzeit ist nur jede fünfte Operation auf ihre Wirksamkeit wissenschaftlich überprüft. Jetzt hat man begonnen, auch in der Chirurgie Placebo kontrollierte Studien einzuführen.

Bei einer in den USA durchgeführten Studie an Patienten mit Kniegelenksbeschwerden zeigte sich, dass sowohl die operierten als auch die vermeintlich operierten Patienten gleichermaßen von einer Besserung ihrer Beschwerden sprachen. In den Niederlanden zeigte sich bei eine Placebostudie, bei der entweder Verwachsungen im Bauchraum gelöst wurden oder aber nur eine Bauspiegelung gemacht wurde, ein ähnliches Ergebnis: Beide Patientengruppen sprachen in gleichem Umfang von einer Besserung ihrer Bauchschmerzen.

Vermutlich profitieren auch andere Operationen von einem hohen Placeboeffekt. Daher will man in Zukunft mehr placebokontrollierte Studien in der Chirurgie durchführen. Denn jede Operation ist ein potentielles Risiko für den Patienten, und außerdem stellen Operationen, die nicht wirklich notwendig sind, eine unnötige finanziellen Belastung des Gesundheitssystems dar.

 

Prinzip der Konditionierung  

Am Institut für Psychologie der Uniklinik Essen untersuchten Wissenschaftler, inwieweit sich das Immunsystem von Menschen ausschließlich durch einen erlernten Reiz unterdrücken lässt. Basis dafür ist das Prinzip der klassischen Konditionierung. Dazu bekamen gesunde Testpersonen eine Woche lang täglich eine neuartig schmeckende, auffallend grüne Flüssigkeit zusammen mit einem Medikament, das das Immunsystem unterdrückte.

In der zweiten Woche erhielten sie das grüne Getränk zusammen mit einer wirkstofffreien Placebokapsel. Das Immunsystem der Probanden sollte so auf dieses Getränk "konditioniert" werden. Bei der anschließenden Blutuntersuchung zeigte sich, dass das Immunsystem der Probanden tatsächlich auch ohne wirksames Medikament reagierte.   

 

Placeboeffekte nutzbar machen

Die Wissenschaftler hoffen, diesen Effekt vielleicht einmal als unterstützende Therapiemaßnahme im klinischen Alltag einsetzen zu können. Hier steht vor allem die Reduzierung der Medikamente im Vordergrund, was natürlich auch eine Reduzierung der Nebenwirkungen zur Folge hätte.

Vorstellbar wäre ein solcher Einsatz zum Beispiel bei der Behandlung von Patienten nach einer Organtransplantation. Sie benötigen große Mengen an Medikamenten, die das Immunsystem unterdrücken. Nur so kann eine Abstoßung des fremden Organs verhindert werden. Hier würde die Verringerung der Medikamentenmenge natürlich geringere Nebenwirkungen mit sich bringen, was für viele Patienten eine enorme Verbesserung bedeuten würde. So könnten Placebos über die Studien hinaus im klinischen Alltag an Bedeutung gewinnen. Doch bis zur Umsetzung in die Praxis werden leider noch Jahre vergehen.

 

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HIPPOKRATES - Gesundheitsmagazin
Dienstag, 01. Februar 2005 um 14.45
Redaktion: Heidemarie Petters
Koproduktion ZDF-ARTE G.E.I.E.

Erstellt: 27-01-05
Letzte Änderung: 20-06-06