Am Morgen vor der Geburt ihrer Tochter saßen Nicole und Dominik noch im Unterricht in der 11. Klasse eines Berliner Gymnasiums. Immer mehr minderjährige Mädchen in Europa werden schwanger. Mehr als die Hälfte der Teenager unter achtzehn entscheidet sich für das Kind. aus. Und viele der jungen Väter nehmen die Verantwortung an. Die Jugendlichen wissen nicht, was auf sie zukommt. Wenn Kinder Kinder kriegen, steht die Welt auf dem Kopf. Eine große Herausforderung für alle Beteiligten.
Seine Eltern kannten Dominik nur als einen ernsten und zielstrebigen Jungen. Für die beiden frischgebackenen Großelternerade war die Nachricht von der frühen Vaterschaft zunächst ein großer Schock: "Als Eltern neigt man dazu, die Probleme zu sehen. In der ersten Zeit nachdem wir von der Schwangerschaft wussten, haben wir große Fehler gemacht, erst einmal aufgezeigt, was jetzt alles für Probleme auf die beiden zukommen. Das haben wir ihnen ziemlich drastisch aufgezeigt und sind erst umgeschwenkt an dem Tag, wo er zu uns gesagt: Vielleicht ist es das Beste wenn ich mich vor die U-Bahn werfe."
Nicole und Dominik sind seit zwanzig Monaten ein Paar. Sie haben sich Zeit gelassen, bevor sie das erste Mal miteinander schliefen. Die Pille kam nicht in Frage: Nicole hatte Angst vor der Untersuchung beim Frauenarzt. Das ist typisch für viele Mädchen ihrer Generation. Dominiks Eltern haben ihren Sohn auf das Thema Verhütung angesprochen, ihm sogar Kondome gegeben. Trotzdem wurde Nicole schwanger. Die Jugendlichen waren völlig überfordert mit der Situation. Die schmerzhaften Ablösungsprozesse vom Elternhaus, die monatelange Verdrängung der Schwangerschaft, der fehlerhafte Einsatz von Verhütung: viele Aspekte am Fall von Nicole und Dominik sind typisch für die Situation schwangerer Teenager.
Zahl der Teenagerschwangerschaften steigt stetig an.Fast überall in Europa steigt die Zahl der Teenagerschwangerschaften seit Jahren stetig an. Laut einer weltweiten Unicef-Studie aus dem Jahr 2001 nimmt England mit durchschnittlich 30 Schwangeren unter tausend Minderjährigen eine Spitzenposition ein. In Österreich wurden fünfundzwanzig Teenager von tausend schwanger, in Deutschland zwanzig von tausend. In Frankreich sind es fünfzehn Schwangerschaften unter tausend Minderjährigen. In Holland funktioniert die Aufklärungsarbeit am besten. Hier wurden nur sieben Schwangeren unter tausend Mädchen registriert.
Für die wachsende Zahl von Teenagerschwangerschaften gibt es viele Gründe. Die Geschlechtsreife der Jugendlichen setzt immer früher ein. Manche Mädchen bekommen schon mit neun Jahren ihre erste Periode. Ein zweiter Grund ist laut Sexualwissenschaftlern der unausgesprochene Leistungsdruck unter Jugendlichen in Sachen Sex. Die Ärztin Heike Eversheim gibt Nachhilfe in Sexualkunde an Berliner Schulen. Immer wieder stellt sie fest, wie weit Vorstellung und Realität auseinander klaffen: Denn nur knapp 10 % der Vierzehnjährigen sind tatsächlich sexuell aktiv. Das Durchschnittsalter fürs „erste Mal“ liegt in ganz Europa zwischen 16 und 17 Jahren. Ein dritter Grund ist die lückenhafte Aufklärung. Viele Jugendlichen bringen den im Biologieunterricht gelernten Stoff nicht mit ihrer Lebenswirklichkeit in Verbindung. Geht es um die eigene Sexualität, herrscht große Unsicherheit und Überforderung.
Kaum medizinische Risiken
Die meisten Gynäkologen sind sich einig: Das jugendliche Alter der Mütter birgt kaum medizinische Risiken, weder für die Schwangerschaft und Geburt noch für das Kind. Junge Mädchen haben statistisch weniger Kaiserschnitte als reife Mütter. Erst das Zusammenspiel von psychosozialen Faktoren, Problemen mit Partner und Eltern oder die Zukunftsangst der Mädchen kann Schwangerschaftskomplikationen auslösen. Junge Mädchen erleiden zum Beispiel häufiger eine Frühgeburt. Das liegt nicht an ihrem Alter, sondern daran, dass sie häufig noch andere Risiken mitbringen. Sie rauchen eher und gehen seltener und später zu Vorsorgeuntersuchungen.
Junge Mütter - endlich einen Platz in der Gesellschaft
In Frankreich ist die Zahl der Teenagerschwangerschaften seit einem Jahrzehnt relativ stabil. Im europäischen Vergleich liegt das Land im unteren Mittelfeld. Die Ausgabe von Verhütungsmitteln an Teenager ist hier vorbildlich geregelt. Doch auch in Ländern mit optimaler Verhütungsmittelabgabe kommt es immer noch zu Teenagerschwangerschaften. Experten beobachten: Bei vielen Mädchen aus schwierigen familiären Verhältnissen ist der frühe Wunsch nach einem Kind sehr stark ausgeprägt.
Patricia aus Hamburg wurde mit sechzehn Mutter, ihr Freund ist achtzehn, der gemeinsame Sohn Nico drei Monate alt. Sie lebt mit ihrem Kind in einer eigenen Wohnung. Das Jugendamt vermittelte den betreuten Wohnplatz, weil die minderjährige Mutter zuhause nicht bleiben konnte. Patricia wollte nicht in ein geschlossenes Mutter-Kind-Haus, deshalb wurde sie in dem extern betreuten Wohnprojekt untergebracht. Eine seltene Chance, um das Leben als Kleinfamilie so realitätsnah wie möglich zu üben. Christiane Volkmer unterstützt das Mädchen bei Ämtergängen, Arztterminen, in finanziellen Angelegenheiten. Sie ist Vertraute und Autoritätsperson, greift bei Problemen behutsam ein. Eine schwierige Aufgabe, denn oft fällt es den Mädchen schwer, Hilfe anzunehmen. Sie wollen es alleine schaffen, überschätzen sich selbst, empfinden die Betreuung als Kontrolle. Ein solides Vertrauensverhältnis zwischen Mutter und Betreuerin ist elementar.Patricias Freundin Carmen lebt ebenfalls im betreuten Wohnprojekt. Carmen war sechzehn, als sie schwanger wurde. Ihr Sohn David ist jetzt ein Jahr alt. Die jungen Frauen sehen sich fast täglich. Sie verstehen sich, teilen ihre Erfahrungen, tauschen sich aus. Denn mit dem Alltag der anderen Freundinnen hat ihr Leben nichts mehr gemeinsam: "Man denkt in der Schwangerschaft oder davor: ein Kind ist immer so einfach. Füttern, schlafen, wickeln, ab und zu Geschrei. Hinterher ist alles ganz anders. Man muss erstmal immer ans Kind denken, kann sich nicht aussuchen, wie lange man schlafen kann."
Beide Mädchen hatten ihre Schwangerschaft frühzeitig bemerkt. Eine Abtreibung kam für sie jedoch nicht in Frage: "Ich hab jetzt wieder einen neuen Lebenssinn bekommen. Ich fühl’ mich endlich mal gebraucht und geliebt und kann das zurückgeben. Das sind Dinge, die ich von früher nicht kenne."
Carmen und Patricia haben keinen Schulabschluss. Sie wollen das nachholen, auch eine Ausbildung machen, wenn die Kinder mal größer sind. Zur Zeit sind die Mädchen durch ihre Kinder finanziell abgesichert. Mutter zu sein gibt ihnen einen Platz in einer Gesellschaft, in der sich sonst wertlos und überflüssig fühlen. Junge Mütter und auch Väter stehen vor einer großen Herausforderung. Die Geschichten von Nicole und Dominik, von Patricia und Steven, von Carmen und David zeigen: Wenn sie Rückhalt in der Familie oder ausreichend Unterstützung von der Gesellschaft bekommen, können sie es auch schaffen, diese Aufgabe zu bewältigen.
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HIPPOKRATES - Gesundheitsmagazin
Dienstag, 04. Juli 2006 um 14.00 Uhr
Wiederholung vom 07. Juni 2005
Redaktion: Heidemarie Petters Koproduktion ZDF -ARTE G.E.I.E.








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