12/11/04
Interview mit der Geigerin Baiba Skride
Von Teresa Pieschacón Raphael
Künstler S-Z
- Anna und Ines Walachowski
- Interview mit dem Pianisten Lars Vogt
- Rolando Villazón und Anna Netrebko
- Salminen, Matti
- Savall, Jordi
- Seiffert, Peter
- Skride, Baiba
- Staier, Andreas
- Stromberg, Tom
- Thielemann, Christian
- Traub, Yaron
- Urmana, Violeta
- Vargas, Ramón
- Vengerov, Maxim
- Villazón, Rolando
- Volodos, Arcadi
- Wand, Günter
- Zinman, David
- Znaider, Nikolaj
Ausgerechnet die Hollywood Schnulze „The Sound oft Music“ über die berühmte österreichische Musikerfamilie Trapp, die vor den Nazis nach Amerika floh wurde im fernen Riga eines Ihrer ersten musikalischen Eindrücke!
(Lachen) Ich habe den Film zwar verschlungen, aber ich hatte auch andere Eindrücke. (Lachen) Meine Mutter ist Pianistin, mein Vater Chordirigent, da gibt es eine große Tradition in Lettland. Doch eigentlich stammt unsere Musikliebe von unserer Großmutter, die bei uns wohnte. Als meine Eltern einmal von einer Reise zurückkamen überraschten wir sie mit einem Lied, das sie uns beigebracht hatte. Sie hat mal Geige gespielt, konnte aber wegen des Krieges das nicht werden. Sie hat Kindern das Singen beigebracht.
Wie hieß denn das Lied?
(Lachen) „Wir waren drei Schwestern“. Ich war drei Jahre alt, meine kleine Schwester zwei, meine ältere fünf. Da haben wir schon das erste Konzert gemacht, meine kleine Schwester am Klavier und die Älteste an der Bratsche. Seitdem sind wir auf der Bühne. In diesem Jahr sind feiern wir unser zwanzigstes Jubiläum!
Und das mit 23 Jahren!
(Lachen) Das kam ganz natürlich. Ich habe nie daran gezweifelt, Musikerin zu werden. Am Anfang war ich auf einer normalen Musikschule und dann kam ich auf eine Spezialschule. Es gab keinen Grund, die Ausbildung nicht weiterzumachen. Das war unser Leben von Anfang an.
So unter Schwestern war es bestimmt nicht immer leicht.
Wir haben natürlich sehr gekämpft. Die Älteste hat zunächst mit der Geige angefangen, dann wollte ich alles machen, was sie macht und habe ihre Geige genommen und selber probiert. Sie sagte mir immer: „Das ist falsch, was Du da machst, das ist nicht richtig.“ Ich fing tatsächlich damit an, meine Hände kaputtzumachen. Es dauert Jahre, bis man alles wieder richtig hinkriegt, man kann nur spielen, wenn man sich frei fühlt. Die andere Schwester wollte auch Geige spielen, doch meiner Mutter wurde das zuviel. Cello kam nicht in Frage, dann haben wir Klavier genommen. Lange Zeit hat mich Klavier mehr interessiert als die Geige. Da kann man so gut die Wut rauslassen und einfach draufhauen. Bei der Geige nicht.
Darf ich Ihre Hände sehen?
Ich habe die typische Geigerhand, klein und eher schmal. Und sehr gelenkig.
Als ein Arzt Paganinis Gliedmaßen untersuchte meinte er, die seien abnorm gebaut...
Er hatte wohl ganz besondere Gelenke und war auch ganz anders gebaut. Es gibt Leute die Gummifinger haben.Als ein Arzt Paganinis Gliedmaßen untersuchte meinte er, die seien abnorm gebaut...
Haben Sie Ihre Hände versichert?
Nein, man müsste eigentlich, aber nein, ich habe es nicht.
Sie haben ja einen blauen Fleck am Hals!
(Lachen) Oh, kein Knutschfleck. Der kommt von der Geige. Das ist eine Art Marke. (Lachen)
Jungens auf der Strasse fragen mich: ‚Was hast Du denn da gemacht?’ Manchmal entzündet sich da die Haut. Die Geige erfordert ja eine ziemlich unnatürliche Haltung.
Welche Rolle spielt Größe und Statur bei der Wahl eines Instruments?
Wichtig ist, dass man frei bleibt, das man körperlich bewusst an das Instrument geht, dass man genau weiß, welche Muskeln wichtig sind. Wichtig sind die richtigen Übungen. Das Problem ist oft der Nacken, der verkrampft. Aber die Größe ist, glaube ich, nicht so wichtig. Es gibt leider nur wenige Lehrer, die über die physische Konstitution nachdenken. Wenn man zuviel darüber nachdenkt, bringt es allerdings auch Angst und Stress.
Wie bekämpfen Sie Unsicherheit?
Man versucht nicht darüber nachzudenken, versucht viel zu üben. ich selbst fange an, mich zu schminken, das beruhigt mich sehr. Man lenkt sich ab. Das Ritual vor dem Konzert ist: eine halbe Stunde Make-up, eine halbe Stunde Üben und dann ins Kleid schlüpfen. Manchmal gibt es Situationen, in denen der Körper nicht mitspielt, dann muss man sich Gedanken machen, woher dass kommt.
Ein Musiker erzählte mir kürzlich, dass selbst schlechte gesundheitliche Verfassung nicht unbedingt darüber bestimmt, wie man am Abend war.
Man vergisst alles, wenn man spielt. Ich habe schon mit sehr hohen Fieber gespielt. Es gibt gute, es gibt schlechte Tage. Vieles ist auch Training.
Sie schließen oft die Augen beim Spiel.
Ich übe immer mit geschlossenen Augen. Man hört besser, man sieht nicht mehr Menschen, man ist in einer anderen Welt, man kann sich besser konzentrieren. Ich verliere auch an Nervosität, ich merke nicht mehr, dass Leute da sind. In schnellen Sätzen kommt es natürlich seltener vor. Und natürlich brauche ich auch den Augenkontakt zum Orchester.
Was nehmen Sie wahr wenn Sie aufs Podium treten?
Eigentlich gar nichts. Ich sehe nichts und ich will auch nichts sehen. Man darf nicht hinschauen, aber man nimmt schon wahr, wie das Publikum reagiert. Sobald man auf der Bühne ist spürt man das, auch wenn es ganz dunkel ist. Man fühlt wie das Publikum drauf ist. Da ist so eine Energie.
Oder auch nicht
Ja, das spürt man auch. In einem solchen Fall nehme ich mir dann vor, die Leute davon zu überzeugen, dass sie nach dem Konzert diese Musik immer wieder hören wollen. Es ist eine Herausforderung, weil ich weiß, dass für viele Leute klassische Musik ganz weit weg ist.
Gibt es Werke, die immer funktionieren?
Bei Schostakowitsch muss man den Leuten schon etwas erzählen, damit sie das Werk auch mögen.
Wenn Sie Schostakowitschs Erstes Violinkonzert in Ihrer Heimat aufführen, ist da die Stimmung anders als hier im Westen? Schließlich ist es ja ein Bekenntniswerk.
In Moskau habe ich das mit meinen Freunden gemacht, es war eines der schönsten Konzerte, die wir überhaupt je gemacht haben. Das kann man nicht erklären. Dieses Gefühl in dem Saal zu spielen, in dem er Tausende Male bestimmt schon war, war wirklich berauschend. Die Leute haben das gleich bemerkt, ich konnte danach stundenlang mit niemandem reden. Ich war so ergriffen von dieser Stimmung, von der Musik. Das ist eine Genugtuung, wenn man es schafft, den Leuten das zu vermitteln.
Schostakowitsch war eine auch durch die politischen Umstände in sich zerrissene Persönlichkeit. Wie haben Sie selbst als Kind den Kommunismus erlebt?
Bewusst habe ich das damals nicht erlebt, jetzt kommen so seltsame Erinnerungen auf. Brot und Zucker bekam man nur per Lebensmittelkarten; beim Zucker durfte man nur ein Kilo mitnehmen. Auch Toilettenpapier bekam man nicht immer , dann mussten wir ganz viel einmal im Monat kaufen. Doch irgendwo war alles normal für uns, wir wussten nicht, dass etwas verkehrt war. Manchmal fuhren auch Panzer durch die Strassen.
Wie im August 1991, als sowjetische Truppen einmarschierten, um die Unabhängigkeitsbewegung der Letten zu stoppen.
Wir hatten eine singende Revolution. Die Leute stellten sich vor die Panzer, haben gesungen und sich einfach nicht bewegt. Wir haben ihnen Kaffee und Essen gebracht. Mein Vater hat nicht so groß Karriere gemacht, weil er nicht in der Partei war. Mein Mutter hatte vier verschiedenen Arbeiten, alle hatten das gleiche Geld, es gab ja auch nichts zu kaufen... Heute ist es eher umgekehrt.
Wenn Sie heute als im Westen bekannt gewordene Geigerin zurückkehren, was sagen die Leute zu Ihnen?
Es ist eigentlich sehr herzlich, im Gegensatz zu früher, da gab es auch Eifersucht und manches war ein bisschen seltsam. Jetzt sind alle sehr nett. Nachdem ich den Wettbewerb ("Königin-Elisabeth-Wettbewerb" in Brüssel) gewonnen habe, war es verrückt. Ich war auf dem Cover eines Magazin, das sich im ganzen Land verkauft hat, und ich konnte das nicht begreifen. Meine Mutter war auf dem Flughafen und da lagen zwei Exemplare nebeneinander. Das war ein sehr seltsames Gefühl, mich so zu sehen. Lettland ist ja ein sehr kleines Land. Die Leute freuen sich mit mir und ich hoffe, dass ich nicht arrogant geworden bin.
Erstellt: 12-11-04
Letzte Änderung: 12-11-04