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21/12/04

Interview mit dem Pianisten Arcadi Volodos

Von Teresa Pieschacón Raphael


Man nennt Sie den “unsmiling virtuoso“ !
(Lachen). Ich lese nie, was über mich geschrieben wird. Zudem stört mich, wie der Virtuosenbegriff heute gehandhabt wird. Es kommt wohl nur auf Schnelligkeit und Kraft und Show an und nicht auf wahre Kunst. Diese sportliche Leistung hat für mich gar nichts mit Virtuosentum zu tun. Für mich ist das sehr viel komplexer. Ein Virtuose muss Poesie haben, Farben und Nuancen setzen können. Doch heute hören die Menschen gar nicht mehr genau hin.

Ein gewisses Showelement in Ihrem Repertoire, das vorwiegend aus virtuosen Bearbeitungen, Paraphrasen und Arrangements besteht, können Sie aber nicht bestreiten.
Show und Glamour interessiert mich überhaupt nicht. Die meisten Menschen verfügen über zuwenig Bildung und haben oft kein eigenes Urteil. Ein Liszt bietet einem so viele Möglichkeiten, die Musik und das Klavier zu entdecken. Diese große Inspiration, diese Schnelligkeit im Komponieren. Das ist wirklich beeindruckend.

Ihre Eltern waren Sänger...
... Das bedeutet aber nicht, dass ich den Gesang mag. Ab dem sechzehnten Lebensjahr habe ich mich ganz dem Klavier verschrieben. Ich wollte nie Sänger werden, vielleicht weil beide selber Sänger sind. Mein Vater war Solist, ein Bariton, mein Mutter immer im Chor. Doch der Gesang hat mich nie besonders inspiriert.

In Ihrer Biographie steht, Sie hätten Gesang studiert.
Nein, das ist eine Lüge, bitte korrigieren Sie das. Ich wurde gezwungen zu singen, ich hasste es zu singen. Ich war bis zum 16. Lebensjahr auf einer furchtbaren Chorschule in St. Petersburg, die an sich gut war, aber nicht für mich. Es interessierte mich einfach nicht.

Warum wollten Sie unbedingt Pianist werden?
Ich liebte das Instrument. So einfach ist das. Die Einsamkeit des Pianisten macht mir nicht zu schaffen. Ich liebe es, meinen Tag selbst zu strukturieren. Ich könnte auch nicht Chefdirigent sein. Die haben so viele Verwaltungsaufgaben. Das hasse ich. Zudem braucht man sehr viel Energie, um andere zu motivieren. Ich hasse es, Energien an andere weitergeben zu müssen. Ich liebe die Unabhängigkeit und mag deshalb auch keine Proben.

Wie kommt ein solcher Einzelgänger denn in einem kommunistischen System zurecht, in dem Sie ja aufwuchsen?
Damals habe ich nichts gemerkt, jetzt kommen mir manchmal Situationen in den Sinn, die seltsam waren. Alles war ein Kollektiv, es gab viele Pflichten, zu viele Pflichten. Es ging alles sehr diszipliniert zu. Eines Tages bat man uns zu sagen, wer nicht in den Konsomol, den kommunistischen Jugendverband, eintreten wollte. Ich habe zusammen mit zwei drei anderen von insgesamt dreihundert Jugendlichen die Hand erhoben. (Lachen). Es gab überhaupt kein Problem, sich zu verweigern. Zu meiner Zeit war alles flexibler geworden, weniger gefährlich und weniger repressiv, als Jahrzehnte zuvor.

Was wäre aus Ihnen geworden, wenn Sie nicht mit zwanzig Ihre Heimat verlassen hätten?
Ich weiß nicht. Heute ist das ein ganz anderes Land. Es hat sich soviel verändert. All meine Musikfreunde sind aus Russland ausgewandert; wenn ich jetzt zurückkehren würde, hätte ich keine Freunde mehr. Meine Mutter lebt noch in St. Petersburg, aber die Mentalität hat sich dort so verändert. Ich bin dort ein Ausländer. Ich fühle mich wohl in Madrid, wo ich auch lebe. Es ist dort zwar sehr heiß, aber das ist mir lieber, als die Kälte in Russland.

Morgen Abend treten Sie wieder auf. Wie überbrücken Sie die Zeit bis zum Konzertbeginn?
Ich gehe in der Stadt spazieren, zudem bin ich verliebt in Informatik, ich habe ein Notebook dabei, kann Filme anschauen und Filme machen. Das interessiert mich.

Haben Sie ein visuelles Gedächtnis, das Ihnen bei der Einstudierung etwa neuen Repertoires hilft?
Ich habe nie darüber nachgedacht. Musik und Informatik sind zwei unterschiedliche Dinge, die ich gar nicht in einen Zusammenhang bringe. Natürlich ist auf dem Computer vieles technisch machbar, aber ein Instrument ist doch eine andere Welt.

Viele Musiker beklagen, dass sie soviel reisen müssen. Wie ist das bei Ihnen?
Früher war es schlimm. Jetzt reise ich mit meiner Freundin. Dennoch; wenn Sie etwa durch die USA reisen, haben Sie das Gefühl, dass Sie nicht weiterkommen. Überall sieht es genauso aus. Die Hotels ähneln einander, das Essen. Alles ist standardisiert. Ich bin bei einer Amerika-Tour fast verrückt geworden. 15 Konzerte, dreißig Flüge, und trotzdem hatte ich psychologisch das Gefühl, dass ich nicht wegkam aus der Stadt. Dieses standardisierte Leben finde ich schrecklich. Und so erschöpfend. Europa ist für mich ein Paradies, hier gibt es noch Unterschiede.

Immer weniger, die EU versucht doch alles zu regulieren, die Globalisierung tut ihr Übriges
Das ist der Anfang vom Ende der Kunst; die Standardisierung tötet alles ab, jegliche Form der Individualität und die entscheidet doch erst darüber, ob man ein großer Künstler ist.

Aber irgendwie scheint es, als sehne sich der Mensch danach...
Ja, ich verstehe das nicht. Alles muss kompatibel sein, alles gleich. Alle sehen gleich aus, das ist eine arme Welt, die nicht die wirkliche Schönheit von Kunst kennt. Früher gab es so eine Art Magie, die Menschen ließen sich verzaubern. Heute betrachten sie die Kunst wie ein neues Sofa. Das ist wirklich ein Problem. In Deutschland finde ich es noch nicht so schlimm, Deutschland ist das beste Land für klassische Musik und für mich das musikalischste Land überhaupt. Über Japan kann ich allerdings nicht reden.
In Bezug auf die Menschheit mag ich zwar pessimistisch sein, aber nicht in Bezug auf meine Kunst. Denn es ist das Schönste, was man machen kann. Es ist ein großes Privileg, ein großes Geschenk, einen wirklichen Zugang zur Musik zu haben.

Erstellt: 06-12-04
Letzte Änderung: 21-12-04