Die Lorbeerernte, die Daniel Kehlmann für seinen neuen Roman "Die Vermessung der Welt" einfährt, ist riesig. Dem gerade 30-jährigen Autor werden ein "großer Wurf", der "perfekte Roman" oder gar "genialische Züge" bescheinigt, und das alles, weil endlich mal ein deutscher Autor verstanden hat, was Handlung ist.Der in Wien lebende Kehlmann nimmt sich in seinem neuen Roman - sein sechstes Buch innerhalb von sechs Jahren - zweier großer deutscher Abenteurer des Geistes an: Alexander von Humboldt (1769-1859) und Carl Friedrich Gauß (1777-1855), die sich 1828 anlässlich des Deutschen Naturforscherkongresses in Berlin treffen. Doch bevor Kehlmann in die Diskussion der beiden alternden Wissenschaftler einsteigt, erzählt er ihr ganzes Leben. Ein Roman? Das ist ein kleiner Etikettenschwindel. Denn im Grunde schreibt Kehlmann schlicht und einfach zwei Biografien nieder, bevor er zum Ausgangspunkt seines Romans, nämlich dem Treffen der beiden, zurückkehrt. An den Lebensgeschichten ist allerdings einiges frei erfunden.
Lebensgeschichten von zwei großen Abenteurern des Geistes
Aus völlig unterschiedlichen Verhältnissen stammend, sind beide Männer besessen von der Wissenschaft. Humboldt fügt sich in Selbstversuchen schmerzhafte, bis zur Bewusstlosigkeit führende Wunden zu, während Gauß, das Wunderkind aus einfachen Verhältnissen, ein Mathebuch auf Gymnasialniveau bereits in der Grundschule versteht und sich darüber wundert, dass all die Menschen um ihn herum so langsam sind. Von der Kindheit an werden die Lebenswege der beiden grob skizziert, bisweilen so grob, dass man jede Orientierung in Raum und Zeit verliert. Humboldts Reise nach Südamerika, die Entbehrungen, der zwanghafte Wunsch, auf jeden Berg zu steigen und in jede Höhle zu kriechen, sein Besuch in Washington in der noch jungen amerikanischen Republik, all das ist so rasant, fast hektisch erzählt, dass darüber die Feinzeichnung der Figuren und Stimmungen verloren geht. Für die Spannung, die vollständige Auflösung des Stoffes in Handlung, opfert Kehlmann die Genauigkeit, denn ansonsten wäre - und das hat er vermutlich irgendwann gemerkt - das Buch ins Unendliche ausgeufert.
Parallel zu Humboldts großer Reise verfolgt er die Wege von Gauß, der Göttingen fast nie verlässt und dessen junges Genie eines der bedeutendsten Werke der Mathematik hervorbringt: "Der Herzog rückte noch etwas Geld heraus, und die Disquisitiones Arithmeticae konnten erscheinen. Er war Anfang Zwanzig und wusste, sein Lebenswerk war getan. Er wusste: Wie lang er auch noch da sein würde, er könnte nichts Vergleichbares mehr zustande bringen."
Ständig hat man das Bedürfnis nachzuschlagen: War das wirklich so? Oder ist das Fiktion? Dieses Spiel der biografischen Fiktionalisierung beherrscht Kehlmann perfekt und verliert sich dabei nur selten in allzu deutlich als Spekulation erkennbare Passagen. Das größte Plus des Romans ist dabei zugleich sein größtes Manko: die Figuren.
Selten wurde so respektlos und amüsant über zwei große Geister berichtet, selten aber auch so undifferenziert.
Die genaueren Motive und Charaktereigenschaften der beiden bleiben - bis auf eine markante, aber aufgesetzt wirkende Differenzierung: Gauß ist der Frauenheld, Humboldt der Frauenverächter - im Dunkeln. Befänden sie sich nicht an entgegengesetzten Enden der Welt, oftmals ließen sich die beiden nur schwer voneinander unterscheiden. Nicht unwesentlich trägt dazu die seltsame Manie des Autors bei, die Dialoge komplett indirekt zu halten, hier ein Beispiel:
In der Deutschen Turnkunst ging es um Gymnastikgeräte. Ausführlich beschrieb der Autor Verrichtungen, die er sich ausgedacht hatte, damit man auf ihnen herumklimmen könne. Eine nannte er Pferd, eine andere den Balken, wieder eine andere den Bock.
Der Kerl sei von Sinnen, sagte Gauß, öffnete das Fenster und warf das Buch hinaus.
Das sei seines gewesen, rief Eugen.
Genau so sei es ihm vorgekommen, sagte Gauß, schlief ein und wachte bis zum abendlichen Pferdewechsel an der Grenzstation nicht mehr auf.
So steht zwischen den Lesern und der Sprache der Figuren immer die vermittelnde Instanz eines Erzählers. War es der mangelnde Mut des Autors, die Figuren selbst sprechen zu lassen, weil das die fehlende Dreidimensionalität offenbart hätte? Oder einfach die fehlende Lust, an den Dialogen zu feilen?
Als Fazit bleibt: Ein spannender Abenteuerroman für Erwachsene, der einen zeitweise in eine geradezu kindliche Leseeuphorie zurückversetzt - aber beileibe kein geniales Meisterwerk. Ein Buch, das Spaß macht, das in eine andere Welt entführt und eine Ahnung vom Leben zweier bedeutender Wissenschaftler vermittelt. Das ist nicht wenig.









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