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Ross Thomas - 13/06/07

Umweg zur Hölle

Rezension von Tobias Gohlis


Ross Thomas ist leider schon tot. Dabei gehört der amerikanische Autor zu den Unsterblichen. Auf den literarischen Olymp. Zumindest auf den der Thrillerautoren. Jetzt ist eines seiner tollsten Bücher wieder verlegt worden. Sein deutscher Titel ist Programm: „Umweg zur Hölle“.

Der „Umweg zur Hölle“ (ein Titel, den sich Herausgeber Martin Compart und Nachwortschreiber Jörg Fauser im Suff ausgedacht haben, als „Chinaman’s Chance“ erstmals auf Deutsch erschien, das war 1984, da soff man noch, wenn man Bücher machte und liebte, die Zeiten waren so) beginnt damit, dass „der Anwärter auf den Kaiserthron (…) ein dicker, siebenunddreißig Jahre alter Chinese mit Namen Artie Wu“ am Strand von Malibu Beach beim Joggen über einen toten Pelikan stolpert, und zwar so, dass er direkt vor die Füße eines Mannes fällt, der dort jeden Morgen bei Sonnenanbruch seine sechs Windhunde ausführt.

Als Romanbeginn sollte dies in die Anthologien berühmter Romananfange aufgenommen werden, vergleichbar mit denen Musils, Prousts und anderer – ich habe gerade keine dieser Anthologien zur Hand, um ein präzises Ranking begründen zu können, aber ich würde Ross Thomas direkt neben Robert Musil einordnen. Sie erinnern sich: „Über dem Atlantik befand sich ein barometrisches Minimum; es wanderte ostwärts (…) Die Isothermen und Isotheren taten ihre Schuldigkeit.“ Näher betrachtet, verbindet den Ex-Infanteristen, Ex-Journalisten, Ex-Drehbuchautor, Ex-Politikberater und Thrillerautor aus Oklahoma und den Ex-Infanteristen, Ex-Ingenieur, Ex-Journalisten und Romancier aus Brünn mehr, als aus dem läppischen Einfall eines Rezensenten zu erwarten wäre. Beide sind durchdrungen von Skepsis und Equilibristen der Exaktheit, beide verachten jede Art von Schwulst, sie sind Stilisten von Graden und sensible Analytiker sozialer und psychischer Feinst-Mechanismen. Unterschiede bestehen im Alter - Musil lebte von 1880 bis 1942, Thomas von 1926 bis 1995 -, weniger in der Länge ihrer Bücher, im Thema kaum. Musil interessierte sich dafür, woher die Antriebe des Lebens und die psychischen Dispositionen für Moral, Haltung, Nicht-Handeln etc. kommen. Thomas interessierte, wie man auf dieser Welt überlebt, und „wie überlebt man trotz allem so, dass man noch in den Spiegel schauen kann?“ (T. Wörtche)

Wer Artie Wu und seinen Waisenhaus-Milchbruder Quincy Durant kennt, weiß, dass der Pelikan, über den Artie stolpert, eine Falle ist. Artie stolpert nämlich selten, und joggt nie. Die beiden wollen etwas von dem Windhundmann, und der benötigt auch gerade dringend jemand, den er nicht einmal für seine 1000 Millionen Dollar kaufen kann: jemanden, dem er vertrauen kann und der unkonventionell herausfindet, wo sich die Schwester seiner Ehefrau versteckt hält, nachdem man deren Freund, den ehemaligen „singenden Polizisten“ und Abgeordneten Ranshaw ermordet hat.

Ross Thomas war kein Mann vieler Worte, nicht eines in diesem 420-Seiten-Wälzer ist zu viel. Deshalb ist unmöglich, in Klappentext- oder Rezensionskürze zu beantworten, worum es in „Umweg zur Hölle“ geht. Immerhin einige Meta-Informationen: wer sich für Artie und Quincy interessiert, findet hier einen Großteil ihrer Biographie erzählt, z.B. führt Chinamanns Pelikansturz über ein paar Umwege zu Quincys verschollenem Vater. Oder zur Erklärung, woher Quincy 36 wulstige Narben auf dem Rücken hat. Auch erfährt man, wie CIA und Mafia in den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts (der Roman spielt im Juni 1977) eine Stadt „entwickelten“ oder wie hoch der Preis eines anständigen Lebens ist. Und wie man dort, wo Klinsi und Thomas Gottschalk ihre Häupter betten, Politik macht. Und wer genau liest, was ich dringend empfehle, wird sogar auf eine oder zwei anrührende Liebesgeschichten stoßen, und plötzlich steht man vor Fragen, vor denen man eigentlich immer davongelaufen ist: Was ist Treue? Was ist Liebe?

„Umweg zur Hölle“ sollte eigentlich kein Geheimtipp sein, immerhin ist es in Deutschland 1984, 1988 und 1992 veröffentlicht worden. Aber manche Bücher und Autoren muss man immer und immer wieder veröffentlichen – und deshalb sei den Leuten vom Alexanderverlag in Berlin großer Leserdank: Sie machen uns einen der ganz Großen wieder zugänglich.

Eine Rezension von Thomas Göhlis



Erstellt: 13-06-07
Letzte Änderung: 13-06-07