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Am 17. März 2011 feiert Siegfried Lenz seinen 85. Geburtstag: ARTE gratuliert mit einem Schwerpunkt. Kommen Sie mit auf Entdeckungstour!

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Der Krimi des Monats - 08/02/06

Didier Daeninckx: Statisten

von Tobias Gohlis


Lens/ Paris 1968: Seine Frau kennt Valère Notermans auswendig, die Filmkunst noch lange nicht. Zum Detektiv wird der Cineast, als Fragmente eines ultrarealistischen, ultraexpressionistischen Meisterwerks aus den 40ern auftauchen. Doch die Kunst war mit Menschenleben gesponsert. Reihentitel: NOIR.

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Am Rande der Begeisterung über Michael Hanekes Film „Caché“ schwang Entsetzen – und ein Hauch von heuchlerischer Entrüstung – mit. Warum hat es so lange gedauert, bis das Massaker, das die französischen Eingreiftruppen der CRS 1961 an hunderten von algerischen Einwanderern begangen hatten, bekannt wurde? Hatten die französischen Erinnerungsmechanismen versagt (die deutschen und österreichischen tun das bekanntlich nie)?

Ein Lehrstück darüber, wie schnelllebig, nicht wirklich erinnerungsfähig das kollektive Bewusstsein und das der Berufsgedenker im Kulturbetrieb tatsächlich ist. Denn dieses verschwiegene, vertuschte, nur von Amnesty International zögerlich und versuchsweise aufgegriffene Massaker, bei dem die CRS mitten in Paris eine friedliche Demonstration gegen die damals verhängte Ausgangssperre für Araber zusammenschoss, ist bereits einmal in einem Roman beschrieben worden. Als 1984 Didier Daeninckx seinen ersten Roman Noir unter dem Titel „Meurtres pour mémoire“ veröffentlichte, löste seine bewusste Aufdeckung staatlicher Lebenslügen, die Vaterlandsverhetzung, einen politischen Skandal aus. Daeninckx’ geschickte Verknüpfung von hart recherchierten Tatsachen über das Polizeimassaker mit fiktiven Elementen – ein Polizist vertuscht seine Beteiligung an der Deportation jüdischer Kinder in der Vichy-Zeit durch den Auftragsmord an einem Geschichtslehrer – kreiert eine Atmosphäre, in der dem Staat jede Schandtat zuzutrauen ist. Daran ändert auch die einigermaßen aufrechte und legale Vorgehensweise des ermittelnden Kommissars nichts. Denjenigen, die nichts gewusst haben wollen, ins Stammbuch: Auf Deutsch ist Daeninckx’ Roman bereits zwei Mal erschienen. Unter dem Titel „Karteileichen“ 1987 bei Rotbuch und 2003 in neuer Übersetzung als „Bei Erinnerung Mord“ im Heilbronner Distelliteraturverlag. Angesichts der ungestümen Begeisterung von Literaturbetrieb und Publikum, sich derart harte Aufklärung anzutun, zudem noch aus einem Land, das einen nichts angeht, ist es schon als Ausdruck einer publizistischen Kamikazehaltung zu bewerten, wenn jetzt der kleine, auf Aufdeckung unliebsamer Wahrheiten ausgerichtete libertäre Verlag Assoziation A es erneut wagt, in seiner respektablen „Noir“-Reihe einen Roman von Daeninckx zu veröffentlichen.

„Statisten“, so der lapidare Titel, ist eher eine Novelle. Valère Notermans geht es wie vielen Männern dieser Welt. Irgendwann verliert die Gattin die Reize. Ihr Tick, alles und jedes mit einer kapriziösen Geste und einem kleinen Kommentar zu versehen, kommt ihm nach einem Jahr nicht mehr wie ein Ausschnitt aus einem nouveau roman vor, sondern „als das, was es war: ein weitschweifiges Vakuum.“ Der ästhetisch ambitionierte Kleinbürger wechselt das Stammlokal und findet fortan, statt vor der Glotze, seine Zerstreuung bei zwei Exlegionären und ihrer exotischen Kundschaft. In der Kneipe lernt er die neue Leidenschaft seines Lebens kennen: das Kino. Ein Stammkunde legt dem unbefriedigten Schönheitssucher ein paar Freikarten vor, und von da an ist es um Valère geschehen.

Nach einer Zwischenstation als Aushilfsvorführer im Stadtteilkino zieht er mit einem Kumpel von einem obskuren Programmfilmfestival in der Provinz zum nächsten. Bis er in Lens unter clandestinen Bedingungen ein Filmfragment zu sehen bekommt, das bei ihm sofort den Impuls auslöst, herausfinden zu müssen, wer dieses Meisterwerk geschaffen hat und wo sich mögliche weitere Teile befinden. Was bis dahin wie eine Vorstadtstudie im Kleinbürgermilieu à la Simenon daherkam, entwickelt sich nun zur historischen Recherche. Der Film mit den überaus realistischen, und zugleich höchst expressiven Tötungsszenen scheint aus den vierziger Jahren zu stammen, von einem Schüler Fritz Langs vielleicht? Je dichter die cinéastischen Locksignale, desto systematischer scheint Valères Suche unterbunden zu werden: Menschen, die über die Entstehungszeit und die in der Gegend von Lens identifizierbaren Schauplätze Auskunft geben wollten, schweigen oder entziehen sich der Befragung.

Daeninckx entwickelt Valères Geschichte einer albtraumhaften Entdeckung aus der Distanz eines trockenen, andeutenden und ironischen Stils – als wäre ihm das Kino, das in allen seinen Romanen eine Rolle spielt, gar nicht wichtig. So nimmt er Valère den heroischen Nimbus des Ermittlers (wie Thomas Wörtche in seiner Rezension bemerkt hat) und bewahrt zugleich einen Gestus ungläubigen Staunens bis zur Aufklärung des Falles. „Nicht zu glauben, nicht fassbar!“ Doch, doch. Keine Kunst ohne Blut, kein Krieg ohne Opfer, keine Romantik ohne Ernüchterung.


Didier Daeninckx:

Statisten
Aus dem Französischen von Matthias Drebber
Assoziation A, 2005
ISBN: 3935936419

Der Mann mit der Sammelbüchse
Aus dem Französischen von Elfriede Müller
(Kurzgeschichte)
Assoziation A, 2005

Bei Erinnerung Mord
Aus dem Französischen von Stefan Linster
Distel Literaturverlag, 2003
ISBN: 3923208561




Erstellt: 08-02-06
Letzte Änderung: 08-02-06