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Am 17. März 2011 feiert Siegfried Lenz seinen 85. Geburtstag: ARTE gratuliert mit einem Schwerpunkt. Kommen Sie mit auf Entdeckungstour!

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10/04/08

Olja Savičević: Augustschnee

Mit leichter Feder und überbordender Fantasie begibt sich die Kroatin Olja Savičević in menschliche Schicksale und Gedankenwelten. Geschichten einer jungen Erzählerin, die es wert ist, entdeckt zu werden.

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Eine ausgebrannte 39-Jährige, die von Leidenschaften geplagt ihr Spiegelbild erschießt, ein Romantiker, der vor Liebeskummer den Krieg verpasst, ein Arbeitsloser, der Urlaubsvertretung für eine Heilige übernimmt und eine Kinokartenverkäuferin, die als „Mutter Z“ das Provinzstädtchen K. vor dem Untergang in der Bürokratie rettet – sie alle sind Helden aus Olja Savičevićs „Augustschnee“.

22 Erzählungen hat die kroatische Autorin in ihrem ersten Erzählband versammelt, und was auf den ersten Blick abschrecken mag, stellt sich bei Savičević als Fehlalarm heraus. Ihre Geschichten sind weder beliebig noch blutleer. Sie verschmelzen nicht zu einer grauen Masse, wie es der Leserin (oder dem Leser) so oft in Erzählbänden der Fall zu sein scheint, sondern die überbordende Fantasie der Autorin machen jede einzelne von ihnen zu einem Unikat. Ihre Geschichten sind bei weitem kein Einheitsbrei, wie man ihn oft in Erzählbänden vorfindet. Sie sind alles anderes als blutleer, und die überbordende Fantasie der Autorin machen jede einzelne von ihnen zu einem Unikat.

Die Lust am Erzählen

Von Haussklaven und Magersucht erzählen Savičevićs Geschichten, von Selbstmord und Brustkrebs, von lachenden Hunden und der fantasievollen Verwendung harter Krapfen. Sie spielen in der Großstadt, in Provinzstädtchen oder auf dem Dorf und haben nur ein verbindendes Element: die Lust der Autorin, menschliche Fantasien und Vorstellungen lebendig werden zu lassen.

Eine fast scheue Reflektion über das Erzählen leitet den Band ein. In „Vielleicht eine Geschichte“ geht es um eine Geschichte, deren Problem es ist, das sie in einen einzigen Satz passt, wie die Autorin gleich am Anfang resigniert feststellt. Und dann lässt sie diesen Satz doch noch zu einer richtigen kleinen Geschichte werden. Einer Geschichte, die weitere Geschichten einschließt, welche nicht unbedingt wahre Geschichten sein müssen. Doch was ist schon Wahrheit, was ist Geschichte? fragen sich Autorin und Erzählerin und fantasieren munter drauf los.

Provokation und melancholische Töne

Savičević scheint mit leichter Feder zu schreiben und lässt doch auch melancholische Töne zu. Kontinuierlich steigert sich die Intensität der Erzählungen in den ersten Kapiteln, um gegen Ende des Bandes wieder leichter, verspielter zu werden.
„Der Sklave“ erzählt von einer selbstbewussten jungen Geschäftsfrau, die einen mittellosen Typen, den sie im Supermarkt beim Klauen erwischt hat, mit zu sich nach Hause nimmt, um ihn als Haussklaven zu halten. Sarkastisch, frech und ein bisschen böse dreht die Autorin hier Rollenklischees auf provokante Weise um.

Viele von Savičevićs Geschichten sind witzig und nett, andere gehen weit tiefer. So beispielsweise die Titelgeschichte „Augustschnee“, die zwar nicht vom Klimawandel erzählt, aber doch von einer grollenden Naturkatastrophe. „Augustschnee“ ist die bedrückende Geschichte einer Frau, die sich schon als Kind stets den Tod herbeiträumte und als junge Erwachsene einen kleinen harten Knoten in der linken Brust entdeckt – „meine Schrotkugel, die mir jemand Unsichtbares in die Brust geschossen hatte, als ich schlief“. Aus Angst vor der Angst der Familie, vor Zerstörung der heimischen Idylle, wartet sie ab, bis der Schmerz sich meldet.

Geschichten, die unter die Haut gehen

Auch „Schöner Hunger“, die Erzählung über eine magersüchtige Schülerin, die sich „Wassertage“ verordnet und davon träumt, selbst wie Wasser zu werden – „klar, kalt, kräftig, durchsichtig“ – ist so eine Geschichte, die unter die Haut geht. Hier beweist sich Olja Savičević als hervorragende Erzählerin, die es versteht, in grundverschiedene Leben und Denkweisen einzutauchen und ihrer Sprache stets den passenden Duktus für das jeweilige Milieu zu verleihen, in das sie sich begibt – sei es unter Kinder, Junkies oder Clochards.

Diese 1974 in Split geborene Autorin, die bisher drei Lyrikbände veröffentlichte und in Kroatien als vielversprechende Neuentdeckung gefeiert wird, in Deutschland aber noch kaum bekannt ist, ist es wert, entdeckt zu werden.

Eine Rezension von Maike van Schwamen

Erstellt: 10-03-08
Letzte Änderung: 10-04-08