Rezension zu „Verschärftes Verhör”
- Thomas Wörtche/Plärrer September 2010
Grandios Jenny Silers neuer Polit-Thriller „Verschärftes Verhör“. Wenn Geheimdienste im Auftrag demokratischer Regierungen Leute umbringen, ist das schlimm genug. Irre wird es, wenn sie Leute umbringen, nur auf den Verdacht hin, dass diese Menschen etwas wissen könnten, was den Diensten in ihrer Legitimation gegenüber ihren Demokratien schaden könnte. Aus diesem grusligen, realitätstüchtigen Szenario macht Jenny Siler hier ein neues Meisterwerk. Der Krieg in Afghanistan, Folter und Menschenrechtsverachtung, die wechselnden (Il-)Loyalitäten der Amis, die Profiteure an jedem Unglück und ein paar anständige Menschen sind Silers Rohstoff für komplexes, aber transparentes Erzählen, für Literatur mit starkem Thema und klarem Standpunkt, auf hohem Niveau.
- Ulrich Noller/Funkhaus Europa 3.9.2010
KrimiWelt-Bestenliste September
Würde dieser Politthriller verfilmt, könnte man getrost eine Hauptrolle für George Clooney reservieren. Oder für Johnny Depp. Oder für Matt Damon. Oder für jeden eine.
"Verschärftes Verhör" von Jenny Siler ist Krimi de Luxe, eine elegant montierte, rasant durch Zeit und Raum schwirrende Tour de Force: Mit eiskalten Geheimdienstfunktionären, wütenden Killern, traumatisierten Exkämpfern, fiesen Menschenhändlern, nüchternen Strategen, gehetzten Opfern - und einigen wenigen, die um ihre moralische Integrität ringen.
Geheimdienstler, die etwas zu verbergen haben, jagen einen arabischen Jungen, der sich einst als Spitzel für die Amerikaner verdingte. Kat, eine amerikanische Soldatin, der der Junge vertraut, muss sich entscheiden, ob sie ihren Befehlen folgt oder ihrer Intuition. Dies ist die Kern-Erzählung von "Verschärftes Verhör". Drumherum: Eine Story, deren Elemente um die Welt führen, nach Afghanistan, nach Europa, in die Staaten - und in die Zeit bis hin zurück in den Vietnamkrieg. Schließlich hängt, irgendwie, alles mit allem zusammen.
Jenny Siler, eine der wenigen Frauen, die sich im Genre des Politthrillers umtun, arbeitet sich in "Verschärftes Verhör" einmal mehr an den schmutzigen Seiten des Krieges gegen den Terror ab. Sie erzählt eigentlich nur ein paar kleine Geschichten, verzahnt diese aber zu einem großen und kritischen zeitgeschichtlichen Panorama. Die Komplexität der Realität versucht Jenny Siler in einer komplexen Erzählstruktur abzubilden, was im Großen und Ganzen sehr gut gelingt - auch wenn man sich hier und da etwas mehr sprachliche Exaktheit gewünscht hätte.
Das Krimiforum im Nordwestradio diskutiert über Jenny Siler: Verschärftes Verhör
Nordwestradio 10.September 2010
KrimiWelt-Bestenliste September
Rezension zu „Portugiesische Eröffnung”
- Tobias Gohlis/Die Zeit, Juli 2008
Es geht um Leben und Tod, natürlich. Und um Geheimnisse. Für die getötet wird, für deren Bewahrung Helden sterben. Doch welche Geheimnisse sind heute noch das Leiden und Sterben wert? Ein Superhero ist Sabri Kanj in Jenny Silers fulminanten Politthriller „Portugiesische Eröffnung“ nicht. Und doch wird der Mann, der in ein Höhlengefängnis irgendwo in der libanesischen Wüste geworfen wird, aller Folter zum Trotz nichts verraten. Sabri Kanj ist bereit zu sterben, aber vorher will er einen Amerikaner sprechen. Er hält durch, bis eine scheinbar ganz andere Geschichte an ihr Ende kommt, und so hat man diesen Gefangenen fast schon vergessen, als die Zusammenhänge deutlich werden.
Gewaltanwendung ist ein Eingeständnis von Schwäche. Geschickt inszeniert sich CIA-Agent Valsamis als Mann von Macht, als er Nicole Blake in ihrem abgelegenen Haus in den französischen Pyrenäen aufsucht. Ihm reichen ein paar Andeutungen, um sie dorthin zu zwingen, wohin sie nicht will. Sechs Jahre hat die Fälscherin in Marseille im Knast gesessen. Jetzt will sie nur noch die Ruhe genießen und hin und wieder einen Job für eine Sicherheitsfirma erledigen. Valsamis zeigt ihr Photographien, auf denen ihr frühere Geliebter Rahim Ali mit irakischen Geheimdienstleuten zu sehen ist. Nicole soll ihn für Valsamis in Lissabon suchen. Vielleicht kann sie ihn vom Terroristenverdacht befreien.
Nicole Blake ist die klassische Amateurin mit Fähigkeiten, die eine Spionagegeschichte würzt. Noch schwelgt sie im regennass winterlichen Lissabon in Erinnerungen an die Zeiten vergangener Liebe, da wird der gerade gefundene Geliebte vor ihren Augen erschossen. Sie flieht, mit einer gefälschten Versandrechnung über Stahlkabel aus Transnistrien und einer jungen Portugiesin. Als Zeuginnen sind sie in Lebensgefahr.
Falsche Identitäten, gefälschte Dokumente, das Leben ein Trug – Siler mischt die Elemente der Spy Novel mit Finesse. Werden die beiden in Washington bereits zu Kollateralschäden deklarierten Frauen dem auf sie angesetzten Attentäter entkommen? Können sie die Informationen gewinnen, die ihnen das Überleben für den nächsten Moment sichern? Trickreich und in einer von aller Emotion skelettierten Sprache verwickelt Siler die Spannungsmomente von Flucht, Verfolgung und Geheimnissicherung mit der Vorgeschichte, in der die persönliche Schicksale der Protagonisten - ohne Nicoles Wissen – längst verknüpft sind. Siler führt zurück an einen Wendepunkt amerikanischer Nahostpolitik: 1983 wurde die amerikanische Botschaft in Beirut von arabischen Terroristen in die Luft gesprengt, unter den Opfern waren alle Nahost-Residenten der CIA – mit einer Ausnahme. Von dieser Tatsache her entwickelt Siler ihre Was-wäre-wenn-Intrige und verknüpft sie mit den Geheimdienstoperationen im Vorfeld des Irakkriegs. Und hier ist auch das Geheimnis verborgen, das den Einsatz des Lebens lohnt. Siler klagt nicht an. Mit traumhafter Lakonie schreibt sie Amblers Tradition fort.
Rezension zu „Ticket nach Tanger”
- Ulrich Noller/Funkhaus Europa
Bestenliste August 2006
Ein kleines Kloster in Frankreich, eine Handvoll Nonnen, ein dunkler, düsterer Abend. Lautlos fast stürmen ein Dutzend schwer bewaffnete Männer das Areal; sie treiben die Nonnen in der Kapelle zusammen – und erschießen sie. Nur eine, Schwester Heloise, kann entkommen; und sie kann einer weiteren, zufällig Überlebenden mitteilen, was die Männer wollten: Sie, „die Amerikanerin“ suchten die Bewaffneten; um sie zu eliminieren, töteten sie alle Bewohnerinnen des Klosters.
So beginnt Jenny Silers vierter Roman „Ticket nach Tanger“, der aus der Perspektive genau jener Amerikanerin erzählt wird, die das Massaker nur zufällig überlebte. Eine junge, gut aussehende Frau, die sich Eve nennt, die ein Jahr zuvor mit einer schweren Schusswunde und völligem Gedächtnisverlust an einer Straße in der Nähe aufgefunden wurde – und die seither im Kloster lebte.
Retrograde Amnesie, also ein vorübergehender Gedächtnisverlust, ist ein beliebtes Motiv in der Kriminalkultur, weil es in einem Bild zwei Arten von Spannungsaufbau ermöglicht: Der Ermittler begibt sich auf die Suche nach sich selbst – und auf die Recherche nach den Umständen, die ihn dazu brachten, sich selbst zu vergessen. Er stellt sich den Schatten der Vergangenheit, und wenn er, im günstigsten Fall, diese Schatten mit dem Licht der Erkenntnis erhellt hat, lockt sogar noch ein Happy End. Ein Motiv, bei dem eigentlich nichts schief gehen kann, und genau das lässt es bei vielen Stoffen nicht funktionieren; dann nämlich, wenn der Gedächtnisverlust als billiger Trick eingesetzt wird, um die Zuschauer und Leser an der Nase herumzuführen und ihnen eine unambitionierte, abgeschmackte Geschichte zu erzählen.
Um so mehr freut man sich, wenn alle Jubeljahre ein Autor doch wieder auf gewitzte und originelle Weise mit dem Motivs des Gedächtnisverlusts arbeitet, und genau das ist bei Jenny Siler der Fall. Ihre Heldin Eve stellt sich den Schatten ihrer Vergangenheit. Sie macht sich anhand des einzigen Indizes in ihrem Besitz, einem abgelaufenen Fährticket nach Tanger, auf die Suche nach ihrer Geschichte. In Tanger sucht sie nach Spuren ihrer Existenz, und dabei gerät sie schnell - ohne es zu wissen - mitten hinein in ein höchst gefährliches, vielfach tödliches Netz, an dem Geheimdienste, Killer, Waffenhändler, Detektive stricken...
Sehr bemerkenswert, wie Jenny Siler ihre Leser mit hinein nimmt in die dunklen Gefilde ihrer Geschichte; wie sie die Spannung eben auf zweierlei Weise fast unerträglich auf die Spitze treibt. Hier die höchst komplexen politisch-geheimdienstlichen Angelegenheiten, die die Erzählerin atemlos durch Marokko und schließlich durch Europa treiben. Dort die eigene, undurchdringbar scheinende Geschichte, die schließlich doch erhellt wird, auf schmerzhafte, höchst dramatische Weise – und, natürlich, letztlich doch im Zusammenspiel mit der anderen Ebene, denn Privates und Politisches sind in dieser Geschichte untrennbar verbunden.
„Ticket nach Tanger“ spiegelt und deutet die Welt der Geheimdienste in Zeiten des Krieges gegen den Terror. Die Autorin analysiert dabei die Rolle der amerikanischen Dienste auf bitterböse Weise. Bei der Auflösung beißt sich die Katze allerdings auf gewisse Weise in den Schwanz. Da geht es dann doch wieder zentral um eine Familiengeschichte, die die politische Ebene des Ganzen als Motor transportiert – und statt an den analytischen Verstand an die großen Gefühle appelliert. Tja, das ist dann doch sehr amerikanisch und eher mäßig originell. Aber sei´s drum, das ist nur ein Wehrmutstropfen. „Ticket nach Tanger“ ist alles in allem intelligente, hervorragend gemachte Unterhaltung.
Die wichtigsten Links:
- Homepage der Autorin mit Selbstdarstellung, Newsletter, Bibliographie ENG
- Interview mit Bookreporter.com, längeres Interview, vermutlich 2000, ENG









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