Die Reportage sehen (real video - 5mn20)
Jahrelang hat das Festival für Medienkunst im österreichischen Linz die wissenschaftlichen, künstlerischen und wirtschaftlichen Expertensysteme verknüpft, um über die Auswirkungen neuer Technologien auf die Gesellschaft zu diskutieren. Wenn heute nun "Simplicity" auf dem Programm steht, dann, weil die Erkenntnis gereift ist, dass man von Zeit und Zeit Bilanz ziehen muss. Die Ars Electronica 2006 tut dies selbstironisch. Da werden "Digital Music Awards" vergeben an Künstler, die bewusst nur analog arbeiten, sowie Preise für "Interactive Art" für Installationen mit minimalsten Einflussmöglichkeiten für den Besucher. Doch damit nicht genug: das offenbare Bedürfnis nach einer neuen Einfachheit spiegelt sich auch in der Art, wie viele Medienkünstler heute die gestern noch selbstverständlichen Fortschritte verballhornen. Beispiel Pixelbildschirme: sie haben jahrelang die computer- und screen-basierte Medienkunst beherrscht. Doch haben die Visualisierungen komplexer Systeme möglicherweise oftmals das Wesentliche in einem Daten-Wust untergehen lassen? "Man ist im Westen in Technologie-Zirkeln immer begeistert, wenn man ein System optimiert und dann einen Laptop für 100 Dollar bauen kann, mit dem man idealerweise die Grundversorgung in Afrika decken könnte. Dabei brauchen die Menschen dort wahrscheinlich zuallererst einmal sauberes Trinkwasser", resümiert Aram Bartholl, der auf der Ars Electronica seine Random Screen vorstellt.
Ein Stromausfall? Kein Problem, dieser Bildschirm funktioniert auch dann noch, wenn jedem Computer der Saft ausgegangen ist. Denn ein Blick hinter die blinkende Grosspixelwand aus Projektionsfolie entlarvt Teelichter und modifizierte Bierdosen als Bildillusionsquelle. Die Kerzen dienen dabei jedoch nicht nur als Lichtquelle, sondern versetzen gleichzeitig durch die produzierte Wärme die zu einer Art Ventilatoren umfunktionierten, zugeschnittenen Bierdosen in Bewegung. Die aufeinandergestapelten Pixel-Boxen steuern sich von allein rein den Gesetzen der Thermik folgend, ohne Input einer eingeschlossenen Maschine.
Auch die PingPongPixel der Niederländer Jonathan den Breejen und Marenka Deenstra bringen trotz der offensichtlichen Komplexität ihrer Maschinerie "nur" ein grossflächiges Bild in grober Auflösung zustande. Hier steuert ein interaktives System der Informationsdarstellung den langwierigen und schrittweises Aufbau eines Pixel-Bildes aus 8100 in unterschiedlichen Grautönen eingefärbten Tischtennisbällen. Durch die Langsamkeit wird das komplizierte System aus Computer, Misch-Schüsseln für die Bälle und Rohrleitungen unnütz. Aber wer hat sich selbst noch nie darüber geärgert, wie lange manche Internetseiten benötigen, bevor sie sich vollständig auf dem Bildschirm entfaltet haben?
Wie man solche Wartezeiten in unserer Technologie durch Reduktion vermeiden kann, und die nötige Wartezeit dem Nutzer durch die heute überall gängigen "Progress Bars", jene Streifen, die den Fortgang der Aktion dokumentieren, kurzweilig gestalten kann, das zeigt John Maeda. Der Designer, Künstler und Professor am renommierten MIT hat auf der Ars Electronica die Themenkonferenz "Simplicity" kuratiert, und veröffentlicht soeben sein Buch "The Laws of Simplicity". Was haben Kunst, Kommerz und Kontemplation miteinander gemeinsam? Dieser Frage konnten die Besucher in diesem Jahr dann im Rahmen einer Erlebnis-Exkursion ins Augustiner Chorherrenstift St. Florian nachgehen. Für einen Tag wurde das Festivalgeschehen aufs Land verlegt in das barocke Ambiente des religiös-geistlichen Zentrums, wo Netzwerkvisualisierungen, generative Computergrafiken und digitale Klangwelten Hand in Hand gingen mit Klostergarten-Gesprächen mit Augustiner Chorherren, Gebeten ohne Worte, Meditationsübungen, Origami-Workshops und Orgelkonzerten.
Die Versklavung durch die Maschinen findet sich dagegen auf dem Linzer Hauptplatz plakativ inszeniert. Die österreichische Gruppe no-mad-designers hat mit ihrer Mensch-Maschine-Installation ein voll automatisches System als Fliessbandbetrieb konstruiert, in den die Teilnehmer eingespannt sind. Die Versuchsanordnung besteht aus einer abstrahierten Fertigungsstrasse, in welcher dem Menschen mittels elektrischer Muskelstimulationen die Kontrolle über seinen eigenen Körper entzogen wird. Unabhängig von seinem Willen schlägt sein Arm immer dann aus, wenn es einen farbigen Würfel vom Fliessband in einen der bereitstehenden Warenkörbe zu katapultieren gilt. Wann sich der Arm bewegt, bestimmt der Computer.
Freiwillig dagegen strampeln sich die vielen Radfahrer ab, die ihre Drahtesel in die aufgestellten Elektrogeneratoren das Projektes Moon Ride des Künstlerkollektivs Assocreation eingespannt haben. Sie laden so nach und nach einen Akku auf und können am eigenen Leib erleben, was die Energie, die unsere tägliche Technologie verbraucht, eigentlich wert ist. Jeder Tritt in die Pedale schlägt sich in Watt und Prozent auf einer Ladestandsanzeige nieder. In der Abenddämmerung wird die Leistung der strampelnden Radfahrer direkt auf einen Ballon geschaltet, der sich dann ganz romantisch als künstlicher Mond am dunklen Nachthimmel abzeichnet. Ein künstliches Naturschauspiel, einfach komplex.- Links
>> Random Screen>> PingPongPixel
>> Mensch-Maschine
>> Maschine-Mensch
- Weitere Artikel
>> Geolokalisierung: zwischen Überwachung und Konversations-Smog
>> John Maeda – "In simplicity we trust"
>> "The Messenger" von Paul DeMarinis
>> The Robotic Chair
>> Yokomono – eine kurzwellig/kurzweilige Sound-Installation von Geert-Jan Hobijn und Carsten Stabenow, alias "Staalplaat"
- Das Festival
Simplicity
vom 31. August bis zum 05. September 2006
in Linz - Österreich
>> Offizielle Website
...................................................
Kultur Digital
September 2006
Text von Jens Hauser
....................................................








per E-Mail verschicken
Facebook
Twitter
RSS

