
Steve Kurtzs Antwort - real audio - 1 Min.23Steve Kurtz: Es bringt uns viel Ärger ein, wenn wir als Künstler in spezialisierte Bereiche von Wissensproduktion vordringen, in denen dieses Wissen hohe Profite einfährt. Wenn man sich da mit kritischer Stimme einmischt, so kommen sehr schnell die unterschiedlichsten Arten von Ordnungskräften: Privatpersonen, Anwälte, oder, wie im aktuellen Fall, Polizei und Agenten der föderalen Behörden. Natürlich ziehen wir ihre Aufmerksamkeit auf uns mit unserem Konzept von "Contestational Biology": Es ist die Idee, dass wir uns wissenschaftliche Prozesse und Materialien, die heute nur grossen Konzernen und dem Militär dienen, wieder zu eigen machen müssen. Wir können sie umformen, damit sie dann dem öffentlichen Interesse dienen.
JH: Welches wäre ein solches Beispiel von "streitbarer Biotechnologie"?
Steve Kurtzs Antwort - real audio - 1 Min.03SK: Das letzte Projekt, das ich mit Claire Pentecoste und Beatriz da Costa realisiert habe, heisst "Molecular Invasion". Wir versuchen, einen biochemischen Interventions-Mechanismus zu finden, der die Effekte der rentablesten transgenen Mais-Sorte "Roundup Ready" von Monsanto ausser Kraft setzt. Da wir nur diese spezifische modifzierte Gensequenz angreifen, wird es auch ausschliesslich nur das Monsanto-Getreide treffen. Wir haben dazu ausgiebige Recherchen geführt - und fündig geworden sind wir in den Datenbanken von Monsanto selbst! Wir haben in ihren Informationen Daten gefunden, die ihr eigenes Produkt zunichte machen können. Aus den verschiedenen Möglichkeiten, die Effekte der Genmanipulation wieder ausser Kraft zu setzen, haben wir den ökologischsten und sichersten ausgesucht, und arbeiten in unseren eigenen Gewächshäusern nun an einer Art "Defense Kit", einem Gentech-Abwehr-Baukasten. Das ist ein gutes Beispiel von "Contestational Biology", denn hier nutzen wir wissenschaftliche Erkenntnisse gegen autoritäre Kräfte.
JH: Es geht also um Patentrecht…
Steve Kurtzs Antwort - real audio - 1 Min.01SK: Privatisierung von Wissen bringt immer Probleme mit sich, sei es beim Copyright oder bei Patenten. Darum dreht sich über kurz oder lang jede kulturelle Schlacht in unserem kapitalistischem System: Die Kontrolle von Wissen ist hier nämlich das Mittel um Macht zu entwickeln. Dagegen müssen wir uns wehren. Aber niemand wird dieses Wissensprivileg freiwillig aufgeben, dafür muss man kämpfen. Und die Intensität des Kampfes hängt davon ab, wie stark man stört. Wenn man, wie wir offenbar, als eine richtige Gefahr für den Profit eines grossen Unternehmens wahrgenommen wird, so ist der Gegenschlag fürchterlich: Anwälte, Drohungen, bis hin zu strafrechtlicher Verfolgung. Aber auch schon rein ideologische Interventionen im öffentlichen Raum können sehr viel Ärger einbringen.
JH: Die Aktionen des Critical Art Ensemble bleiben in ihrer Grössenordnung ja symbolisch, finden aber auf dem Terrain des realen Lebens statt - welchen Autoritäten ist dies besonders suspekt?
Steve Kurtzs Antwort - real audio - 1 Min.05SK: Es gibt alle Sorten von Ordnungshütern, das reicht von komischen bis zu sehr ernsthaften, wie nun dem FBI. Aber wir haben mit allen Arten Polizei zu tun, und das ist nicht unbedingt der Beamte auf der Strasse. In Deutschland haben wir bei einer Ausstellung im ZKM in Karlsruhe transgenes Bier gebraut. Und da kam doch tatsächlich die "Bierpolizei", die über die Reinheit des deutschen Bieres wacht, und zeigte uns die gelbe Karte. Sie liessen uns nur laufen, weil die produzierte Menge verschwindend gering war, aber sie waren dort, um klar zu machen, dass sie uns beobachten.
JH: Eure nächste Performance beschäftigt sich mit der Paranoia, die rund um die angeblich terroristischen Anthrax-Attacken in den USA entstand…
Steve Kurtzs Antwort - real audio - 1 Min.56SK: Wir untersuchen, wie die Forschung an biologischen Kampfstoffen zu militärischen Zwecken oder zu ihrer Abwehr fatale Auswirkungen auf die Weltgesundheitslage hat, angesichts der beschränkten Ressourcen für die Forschung an verheerenden Infektionskrankheiten. In der ganzen Geschichte biologischer Kriegsführung hat es nie eine wirklich erfolgreiche Bilanz für einen solchen Angriff mit biologischen Kampfstoffen gegeben. Aber nun hat man diese "Antrax-Attacke" in den USA im Jahre 2001, bei dem es fünf Todesopfer gegeben hat, zum Vorwand genommen, um die Mittel neu zu verteilen. Das Schlimme ist, dass das Militär es nun einfach hat, die beschränkten wissenschaftlichen Ressourcen für ihre paranoiden Phantasien zu beschlagnahmen. Und für wirkliche seriöse Forschung zur Ausrottung von Malaria, Cholera, Tuberkulose, Polio und AIDS – Krankheiten die jährlich Millionen Menschen und nicht nur fünf töten – ist nicht genug Geld da. Wir wirken da aufs öffentliche Bewusstsein ein: Wie kann es sein, dass jemand guten Gewissens Millionen sterben lässt und der US-Regierung recht gibt, dass an diesen biologischen Kampfstoffen weiter geforscht wird?
JH: Im Gegensatz zu vielen spielerischen Auseinandersetzungen mit Technologie, die in der Medienkunst anzutreffen sind, betreibt das Critical Art Ensemble eine ästhetische Form von politischem Aktivismus.
Steve Kurtzs Antwort - real audio - 1 Min.04SK: Unsere Projekte sind stets ein Hybrid aus Kunst, Design, Politik, Soziologie, Geschichte, und es entsteht durch diese Kombitation stets eine neue Narration im öffentlichen Raum. Das was latent im kulturellen Raum schwebt, wollen wir damit dingfest machen. Künstlerisch arbeiten heisst für uns, Situationen und Konzepte zu schaffen, die für die Leute neu sind, vor allem partizipatorische Praktiken, in denen Ideen enstehen, die einem bei blosser Betrachtung nicht durch den Kopf gehen. Unser Kunst-Verständnis ist eher ein konzeptuelles, es ist weniger an Duchamp und der Erneuerung von Objektsprache orientiert.
>> Steve Kurtz Konferenz auf der Transmediale: Biokunst und die Justiz im Amerika der Bush-Ära
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Februar 2005
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