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13/03/08

Die fromme Monarchie

Seit fast drei Jahren ist Papst Benedikt XVI. nicht nur Oberhaupt der katholischen Kirche, sondern auch Herr über 3.600 Angestellte. Wie funktioniert der kleinste Staat der Welt?

Religionswissenschaftler, Journalist und Buchautor ("Geheimnis Vatikan") Josef Bruckmoser für das ARTE Magazin.

© ZDF / Christel Fomm
Plötzlich war die ganze Stadt in Bewegung. Als am 19. April 2005 weißer Rauch aus der Sixtinischen Kapelle aufstieg, waren Römerinnen, Römer und Tausende Besucher nicht mehr zu halten. Binnen einer halben Stunde füllte sich der Petersplatz mit Menschen, die in gespannter Erwartung auf die Loggia der Basilika starrten. Dort wurde Joseph Ratzinger, der deutsche Professor und langjährige Präfekt der Glaubenskongregation, als neuer Pontifex ausgerufen. Einen Augenblick lang herrschte Schweigen. Bis dann doch der Applaus losbrach, das Winken, Lachen und – das gehört auf dem Petersplatz dazu – das Beten.
Seit knapp drei Jahren steht nun der 265. Nachfolger des Heiligen Petrus an der Spitze der römisch-katholischen Weltkirche und des Vatikanstaates. Völkerrechtlich ist Benedikt XVI. das Staatsoberhaupt des Heiligen Stuhls, der mit mehr als 170 Staaten diplomatische Beziehungen unterhält. Die politischen Fäden laufen im Staatssekretariat zusammen. Dort sitzt der zweite Mann im Vatikan und enge Vertraute des Papstes, Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone. Der Kirchenmann und Fußballfan ist Italiener und damit für den Papst aus Deutschland das Verbindungsglied zu den italienischen Bischöfen, er bewegt sich perfekt auf dem Parkett der römischen Gesellschaft und ist kirchenpolitisch mit dem Papst ein Herz und eine Seele. Als Sekretär der Glaubenskongregation hatte Bertone gemeinsam mit Ratzinger die römischen Leitlinien vorgegeben, sei es gegen die lateinamerikanische Befreiungstheologie oder gegen aufständische deutsche Bischöfe.

Nur einer unter den rund 3.600 Angestellten der frommen Monarchie ist noch näher dran am Chef: Georg Gänswein, der 51-jährige Privatsekretär des Papstes. Der „George Clooney des Vatikans“ gilt als der unbestritten schönste Mann im römischen Talar. Anders als sein polnischer Vorgänger Stanislaw Dziwisz, der Eingeweihten manche Indiskretion aus den päpstlichen Privatgemächern zukommen ließ, ist Gänswein die Diskretion in Person – sehr zum Leidwesen der römischen Vatikanjournalisten. Eisern schirmt der Prälat seinen Dienstherrn ab. Denn der schreibt lieber an einer Enzyklika oder am zweiten Teil seines Jesus-Buches, als – wie es sein Vorgänger tat – schon zur Frühmesse ausgewählte Pilger zu empfangen. Beim Mittagessen leistet Gänswein dem Pontifex Gesellschaft, ebenso bei den abendlichen Fernsehnachrichten. Er ist wichtiger Teil der päpstlichen Familie.

Auf die Frage, ob er einsam sei, sagte Benedikt XVI. einmal in einem Interview: „Natürlich gibt es die Burg, die den Zutritt schwierig macht, aber es gibt auch die päpstliche Familie und jeden Tag viele Besuche, wenn ich in Rom bin.“ Entspannung findet der Papst beim nachmittäglichen Spaziergang in den vatikanischen Gärten, die hermetisch von der Öffentlichkeit abgeriegelt sind. Dem gemeinen Rompilger bleibt dieser Ruhepol inmitten der hektischen Metropole verschlossen, denn an den strengen Blicken der Schweizergardisten kommt nur vorbei, wer von einem „Einheimischen“ eingeladen und begleitet wird. Davon gibt es auf dem Territorium des Vatikanstaates rund 1.000, doch nur 500 der Vatikanbewohner sind auch mit einem vatikanischen Reisepass ausgestattet.
Und wie lebt es sich dort als Teil der „Firma“ Vatikan? Das Salär der vatikanischen Angestellten beginnt bei 1.500 Euro, brutto gleich netto. Lohn- oder Einkommenssteuer gibt es nicht. Dafür müssen Bewerber aber unterschreiben, dass sie ein moralisch einwandfreies Leben führen und auf ihr Streikrecht verzichten. Es war Benedikts Vorgänger Johannes Paul II., der 1981 die erste Sitzung der „Arbeitnehmervereinigung im Vatikan“ einberufen hat. „Weniger Arbeit und mehr Lohn“ lautete damals die sehr weltliche Tagesordnung. Mit einer „Schweigeprozession“ verliehen die Bediensteten ihren Forderungen den nötigen Nachdruck. Seither gilt im Vatikan die 36-Stunden-Woche, Tarifverhandlungen gibt es aber bis heute nicht. Nur die Dumpingpreise in der „Annona“, dem vatikanischen Supermarkt, versüßen das Leben. Als Bonus darf jeder Vatikanmitarbeiter zudem das ewig gültige Bewusstsein mit sich tragen, „Teil des römischen Projektes von Gott“ zu sein.

Das gilt auch für die wenigen Frauen hinter den hohen Mauern des Vatikan. Ihr Bild wird vom züchtigen Ordensschleier geprägt: von den drei Ordensfrauen in der päpstlichen Wohnung bis zu den Näherinnen, die sich um die Haushaltswäsche der Würdenträger kümmern. Rund 15 Prozent der päpstlichen Belegschaft sind weiblich, Tendenz steigend. Ranghöchste Frau an der Kurie ist derzeit Enrica Rosanna. Die Salesianerin aus der Lombardei ist „Sottosegretario“ der Ordenskongregation, was einer Staatssekretärin entspricht. Das ist immerhin der dritte Posten hinter dem leitenden Kardinal und dem Sekretär.
Hier schließt sich der Kreis. 1994 hat zuletzt ein Papst den römisch-katholischen Frauen in einem Apostolischen Rundschreiben eingeschärft, dass nur Männer die Priesterweihe empfangen können – wenngleich die Frauen in der Kirche „absolut notwendig und unersetzbar“ seien. Ein Hort der Emanzipation ist der Vatikan eben noch nie gewesen. Die knapp drei Amtsjahre von Benedikt XVI. haben daran nichts geändert.

Erstellt: 11-03-08
Letzte Änderung: 13-03-08