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360° - GEO Reportage

Die Reportagereihe zeigt die aufregende Arbeit und den spannenden Alltag außergewöhnlicher Menschen.

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360° - GEO Reportage

Die Reportagereihe zeigt die aufregende Arbeit und den spannenden Alltag außergewöhnlicher Menschen.

360° - GEO Reportage

Samstag 15. Juli 2006, 21.35 Uhr: 360º - Die Geo-Reportage - 04/07/06

Making of

Chicagos Stahlmänner


Reisebericht von Gerd Herren

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Die Baustelle des größten Hochofens Amerikas ist ein Megaprojekt an dem 1400 amerikanische Arbeiter über 5 Monate lang geschuftet haben, unter der technischen Leitung von belgischen Chefmonteuren und Ingenieuren. Jacques Bernier ist der belgische Chefingenieur.

Alles sollte hier extrem sein. Die Größe des fertigen Hochofens (eine Produktion von 10.000 Tonnen Eisen pro Tag), die Größe der benutzten Kräne (die größten der Welt mit bis zu 1200 Tonnen Hebekraft), die Anzahl Arbeiter, aber auch die kurze Zeit, in der der Hochofen gebaut werden sollte, 4 mal schneller als vor dreißig Jahren.

Um das Leben des Chefingenieurs, aber auch der amerikanischen Arbeiter zu verfilmen, um die komplexen Arbeitsgänge interessant illustrieren zu können, musste ich es zeitgenau verfolgen, von morgens 5 Uhr bis abends 20Uhr, jeden Tag, Samstags wie Sonntags, fast 5 Monate lang. Im Sommer stiegen die Temperaturen bis 37 Grad Celsius. Im Winter bis -20.
Die Kameras litten genau so wie wir und mussten die gleiche Menge Staub schlucken wie wir selbst. Trotz doppelter Kameraschutzhülle mussten die Kameras mehrmals am Tag mit Druckluft abgeblasen werden.

Ich war ganz erstaunt als ich in Mitten dieser rauhen „Ironworker” (Eisenarbeiter) die hübsche Heather fand. Was tat ein 26 jähriges Mädchen hier auf dieser Höllenbaustelle. "Make money", war ihre Antwort. Sie erzählte mir voller Stolz, wie sie sich bei der Eisenarbeitergewerkschaft (Ironworker- Unions) vorgestellt hatte, um eine Lehrstelle zu beantragen: “Beim Vorstellungsgespräch fragte mich der Gewerkschaftsboss, welche Arbeit ich denn gerne machen würde. Ich sagte Schweißerin. -Aber Sie sind doch eine Frau ? -Haben Sie denn nie den Film Flashdance gesehen antwortete ich ihm…und schon hatte ich meine Lehrstelle”.
Ihre Geschichte lohnte sich zu verfilmen. Einen solchen Mut zum Arbeiten aufzuweisen musste unserer Gesellschaft einfach gezeigt werden.

Die technische Herausforderung für diesen Film ist eine Geschichte für sich. Anhand von 6000 Ingenieurzeichnungen hatten wir den Bau des neuen Hochofens in einer 3-dimensionalen Animation simuliert.

Aber die technische Realität zu filmen übertraf alle Vorstellungen. Nur mit digitalen Zeitraffertechniken konnten die sehr langsamen Hebebewegungen der schweren Hochofenteile beim Abbau und Wiederaufbau illustriert werden.

Alle zwei Sekunden ein programmiertes Digitalfoto während bis zu 7 Stunden Hebezeiten; Bewegungen die mit dem bloßem Auge gar nicht wahr zu nehmen sind. Alle so geschossenen Fotos wurden dann zum Zeitrafferfilm verarbeitet; das ganze in HD-Qualität.
Ich hätte nie geglaubt, dass die Hochöfen um Chicago so überaltert seien und mit ihnen die festgefahrenen Strukturen der amerikanischen Eisenarbeiter-Unions .
Um Chicago werden die Gesetze von diesen Bauarbeiter-Gewerkschaften diktiert; auch die höchsten Löhne Amerikas. Nicht einfach für eine europäische Firma, da den finanziellen Überblick zu behalten.

Im Raum Chicago sind seit der ersten Energiekrise 1970 über 80.000 (Union)-Arbeitsplätze verloren gegangen.

Bei den Filmarbeiten spüre ich diesen verzweifelten Kampf der Unionchefs…deswegen besteht wahrscheinlich auch eine gewisse Angst, dass eine Europäische Firma Arbeitsplätze wegholen könnte.

Den Unions beizugehören bedeutet alles für die amerikanischen Arbeiter: Sicherheit, gute Löhne, (bis 12000 Dollar pro Monat und Arbeiter), Renten, und vor allem ein Status der so wichtig hier in Amerika ist.
Ein Anachronismus im heutigen Weltmarkt? Andererseits ist es eine lokale Arbeitsplatzbeschaffung … warum immer alle Arbeiten weit weg de-lokalisieren ?

6 Uhr morgens, erste Koordinationsversammlung der belgischen Ingenieure und amerikanischen Techniker, wie jeden Tag. Ich nehme oft an diesen Versammlungen teil um zu erfahren, wo die Schwerpunkte auf der Baustelle stattfinden die ich filmen möchte.

Danach schleppe ich meine 35 kg Kameraausrüstung bis oben auf den Hochofen. Als ich oben ankomme zeigt der Kohlen-Monoxyddetektor einen Wert von 250mg an. Hier kann ich nicht bleiben. Solche gefährlichen Werte treten mehrmals am Tag auf, immerhin arbeiten ja noch weitere 7 oder 8 weitere Hochöfen in unmittelbarer Nähe, die genau so alt sind wie der den wir neu bauen. Aber der Wind trägt das gefährliche Gas schnell in Richtung Michigan-Lake weiter.

Wieder habe ich ein Interview mit Jacques Bernier verschieben müssen, er hat einfach zu viele technische Probleme zu lösen und dafür keine Minute Zeit für mich.

Auch Heather kann ich heute nicht interviewen, der Krach auf der Baustelle ist unerträglich, bestimmt 140 Dezibel weil den ganzen Tags schon Wasserdampf in der anliegenden Heizzentrale abgelassen wird. Dieser Krach addiert sich zu den Baustellarbeiten hinzu: auf 30 Meter höre ich eine voll aufgedrehte Motorsäge nicht mehr.

Für die Leute, Belgier wie Amerikaner bleibt fast kein Privatleben während dieses Projektes: Baustelle-Essen-Schlafen-Baustelle.
Für viele ist die einzige Abwechslung ein kleines Restaurant oder der Einkauf von Lebensmitteln im Walmart … um 9 Uhr abends fallen die Augen so wie so von alleine zu.

Gerd Herren, Spa im Juni 2006
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Samstag 15. Juli 2006, 21.35 Uhr
360º - Die Geo-Reportage
Chicagos Stahlmänner
Reportage, Frankreich / Deutschland 2006
ARTE, Erstausstrahlung, 52 Min.
Koproduktion: ARTE, WDR, Les Films de l’Europe, Spalywood, GÉO
Moderation: Simone von Stosch
Regie: Gerd Herren
Wiederholung am 15. Juli um 14.50 Uhr und am 22. Juli um 12.50 Uhr

Erstellt: 29-06-06
Letzte Änderung: 04-07-06