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Einstein

Mit 26 Jahren veröffentlicht Einstein vier Artikel, die Lösungen für z. T. uralte Probleme der Physik liefern und teilweise auch 100 Jahre danach noch immer fruchtbare Wege öffnen zu einer neuen Physik.

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Mit 26 Jahren veröffentlicht Einstein vier Artikel, die Lösungen für z. T. uralte Probleme der Physik liefern und teilweise auch 100 Jahre danach noch immer (...)

Einstein

10/10/05

Pazifismus im Ersten Weltkrieg

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Einsteins politisches Verhalten war im Vergleich zu dem seiner Fachkollegen exzeptionell. Unter dem Eindruck des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs und der damit einher gehenden Kriegsbegeisterung fand er zu einem engagierten gesellschaftlichen Denken und Handeln. So entzog er sich im Sommer 1914 allen chauvinistischen und nationalistischen Stellungnahmen, denen sich seine Kollegen oft bedenkenlos anschlossen. Insbesondere gehörte er nicht zu den Unterzeichnern des berüchtigten „Aufrufs an die Kulturwelt“, in dem die intellektuelle Elite Deutschlands den deutschen Militarismus vorbehaltlos mit dem Schutz deutscher Kultur legitimierte: „Ohne den deutschen Militarismus wäre die deutsche Kultur längst vom Erdboden getilgt ... Deutsches Heer und deutsches Volk sind eins.“ Zu solch markigen Worten bekannten sich nicht zuletzt jene, die Einsteins Übersiedlung nach Berlin betrieben hatten und jetzt zu seinem nächsten Kollegen- und Bekanntenkreis gehörten: Max Planck, Walther Nernst und Fritz Haber. Aber auch Intellektuelle, die dem Wilhelminischen Deutschland eher kritisch gegenüberstanden hatten – wie Max Liebermann, Gerhart Hauptmann oder Max Reinhardt – standen mit „unserem Namen und unserer Ehre“ für diesen scharfmacherischen Aufruf ein.

Es zeigt Einsteins Unabhängigkeit nicht nur in wissenschaftlichen Fragen, wenn er sich dem politischen Mainstream und seinen berühmten Kollegen entgegenstellte und stattdessen den Gegenaufruf „An die Europäer!“ des Berliner Physiologen und Pazifisten Georg Friedrich Nicolai unterzeichnete. Dieser propagierte die Macht der Vernunft, eine möglichst rasche Beendigung des Krieges und die Verständigung der Völker. Einstein beließ es aber nicht bei der Unterzeichung dieses Aufrufs, sondern beteiligte sich im Herbst 1914 auch an der Gründung des pazifistischen Bundes „Neues Vaterland.“ Der Bund entwickelte sich im Laufe des Krieges zu einer Organisation linker Intellektueller und wurde von den kaiserlichen Militär- und Polizeibehörden überwacht, schließlich im Februar 1916 sogar verboten. Auch Einstein geriet in dieser Zeit ins polizeiliche Visier. So verlangte die Berliner Kommandantur im März 1916 von der Berliner Akademie Auskunft über ihr Mitglied und im Januar 1918 findet man Einstein auf einer Polizeiliste namhafter Pazifisten aus Berlin und Umgebung. Seit 1916 hatte man auf Einstein sogar einen Polizeispitzel angesetzt. Dieser wusste zu berichten, dass Einstein zwar Mitglied des Bundes „Neues Vaterland“ ist, „sich aber in der pazifistischen Bewegung agitatorisch bisher nicht bemerkbar gemacht (hat). In moralischer Beziehung erfreut er sich des denkbar besten Rufes und ... ist Abonnent des Tageblattes

Sehr viel inhaltsschwerer fiel indes ein Bericht ganz anderer Art aus – der des französischen Schriftstellers und Pazifisten Romain Rolland, der über ein Zusammentreffen mit Einstein in der neutralen Schweiz festhielt: „Einstein erwartet keinerlei Erneuerung Deutschlands aus sich selbst heraus ... Er hofft auf einen Sieg der Alliierten, der die Macht Preußens und die Dynastie zerstören würde ... Ein anderer als er hätte darunter gelitten, ... sich im Denken isoliert zu fühlen. Er nicht. Er lacht. Er hat es fertig gebracht,während des Krieges sein wichtigstes wissenschaftliches Werk zu schreiben“ [3, S. 411]. Mit seiner Allgemeinen Relativitätstheorie und der im Sommer 1919 erfolgten experimentel- len Bestätigung einer ihrer wichtigsten Konsequenzen, der gravitativen Lichtablenkung, erlangte Einstein schließlich sogar Weltruhm und breite internationale Anerkennung, ja er avancierte zu einer öffentlichen Figur, einer Ikone, der nunmehr für mehr als nur die für Physik und Naturwissenschaften stand.

Einsteins internationale Popularität ist sehr schnell als Aktivposten deutscher Außenpolitik erkannt und eingesetzt worden. Insbesondere im Rahmen seiner intensiven Reisetätigkeit in den frühen zwanziger Jahren wuchs ihm die Rolle eines Botschafters des geistigen Deutschlands zu. Diese Rolle hat er zwar nicht enthusiastisch, aber doch bereitwillig ausgefüllt; nicht zuletzt wohl, weil er mit dem Sturz der Monarchie und der Errichtung der Weimarer Republik große Hoffnungen verband. Seiner Mutter hatte er in den Revolutionstagen des Jahres 1918 geschrieben: „Ich bin sehr glücklich über die Entwicklung der Sache. Jetzt wird es mir erst recht wohl hier.“

Einstein gehörte mit dieser Haltung zu den wenigen Professoren, die den sozialen und politischen Veränderungen jener Zeit große Sympathien entgegenbrachte und die Weimarer Republik vorbehaltlos begrüßte. Die Mehrzahl seiner Kollegen blieb hingegen weitgehend dem kaiserlichen Macht- und Obrigkeitsstaat und seinen Wertvorstellungen verhaftet und entwickelten sich bestenfalls zu sogenannten „Vernunftrepublikanern“. Einsteins Einsatz für die Weimarer Republik und seine in der Nachkriegszeit ebenfalls einsetzende Unterstützung für die zionistische Bewegung machten ihn aber nicht nur zum politischen Außenseiter in der deutschen Professorenschaft der zwanziger Jahren, sondern auch zum Gegenstand chauvinistischer und antisemitischer Hetzkampagnen. Letztere kanalisierten nicht nur die Gegnerschaft zu Einsteins pazifistischer und demokratischer Grundhaltung, sondern wurden auch zum Sammelbecken jener Physiker, die in der modernen Physik und namentlich in Einsteins Relativitätstheorie eine Entartung des gesunden Menschenverstandes und „typisch jüdisches Blendwerk“ sahen. Angeführt wurden diese von Philipp Lenard und Johannes Stark, die damit allerdings den Boden einer seriösen wissenschaftlichen Debatte verließen und in der Scientific Community zunehmend zu Außenseitern wurden. Auch wenn Einstein zu den Aushängeschildern und „Kulturfaktoren ersten Ranges“ der Weimarer Republik gehörte, blieb er nach wie vor vielen politischen Verantwortungsträgern und insbesondere der aus dem Kaiserreich weitgehend übernommenen Ministerialbürokratie politisch suspekt. Dies um so mehr als die Republik in der zweiten Hälfte der zwanziger Jahre immer konservativer wurde und die politische Rechte zunehmend die Oberhand gewann. Im Gegensatz dazu orientierte sich Einstein selbst zunehmend nach links. Die deutschen Botschafter und Gesandten verfassten über Einsteins Besuche in den jeweiligen Ländern und Städten ausführliche Berichte, die auch auf den Schreibtischen der politischen Polizei landeten und dort ausgewertet wurden. In der zweiten Hälfte der zwanziger Jahre wuchs das Interesse dieser Behörden für Einsteins politischen Aktivitäten in Deutschland und man registrierte diese penibel. So wurde vom Reichskommissar für die Überwachung der politischen Ordnung zu den Akten genommen, dass Einstein weiterhin in der Nachfolgeorganisation des Bundes „Neues Vaterland“, der „Liga für Menschenrechte“, aktiv war; auch dass er im Vorstand der prosowjetischen „Gesellschaft der Freunde des neuen Rußland“ saß und dem Kuratorium der „Internationalen Arbeiterhilfe“ angehörte. Besondere Nahrung erhielt die polizeiliche Aufmerksamkeit für Einstein durch die Verschärfung seiner pazifistischen Ansichten. So engagierte er sich öffentlich für Kriegdienstverweigerer und geißelte das Militär als „Schandfleck der Zivilisation“. Krieg war für Einstein „gemeiner Mord“ und der Militärdienst eine „Schulung von Körper und Geist in der Kunst des Tötens“. Als Konsequenz eines solchen rigorosen Pazifismus artikulierte er auch wiederholt seine entschiedene Ablehnungen gegen jede und insbesondere die deutsche Aufrüstung. Dies spitzte nicht nur den Konflikt mit seinen konservativen politischen Gegnern, sondern mit der politischen Macht schlechthin zu und ließ die über ihn zusammengetragene Akte weiter wachsen. Trotz aller Sympathie für das geistige Klima in Berlin und seine dortigen Kollegen führte die wachsende Radikalisierung der politischen Verhältnisse in Deutschland dazu, dass sich Einstein an der Wende zu den dreißiger Jahren verstärkt mit Plänen trug, Berlin und damit Deutschland zu verlassen. Die Machtergreifung der Nazis im Januar 1933 brachte schließlich die endgültige Entscheidung. Erneut war er wieder einer der wenigen prominenten deutschen Wissenschaftler, die sofort und kompromisslos die Verfolgung und Vertreibung jüdischer und anderer dem neu etablierten NSRegime missliebiger Bürger öffentlich kritisierte. Damit wurde er im nationalsozialistischen Deutschland zur Persona non grata, gegen die sich aller Hass, aber auch wissenschaftliche Ausgrenzung richteten.



Erstellt: 04-05-05
Letzte Änderung: 10-10-05