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09/08/06

Gefährden Computer die Gesundheit?

Internet und Computer sind aus Freizeit und Beruf längst nicht mehr weg zu denken. Die langfristigen Auswirkungen auf Körper und Psyche des Menschen sind noch nicht erforscht. Gesichert gilt unter Experten jedoch das Suchtpotenzial virtueller Welten...

Vor allem das Internet zieht labile Menschen oft in seinen Bann. Sie verlieren sich in Online-Spielen und so genannten „Chatrooms“, in denen man mit anderen virtuelle Gespräche führen kann. Der 56jährige Markus aus Nordfriesland war fast sieben Jahre lang süchtig nach Kontakten zu Menschen, die er gar nicht kannte. Nach außen lebte der selbständige Ingenieur in einer heilen Welt, führte einen eigenen Betrieb, war verheiratet, hatte zwei Kinder und ein Haus. Dennoch kam er mit seinem Leben nicht mehr klar: "Ich bin nachts aufgestanden, ins Büro gegangen und habe gechattet. Ich bin da nicht mehr von losgekommen und habe all das was zu tun war, einfach so mehr oder weniger nebenbei erledigt." Auch tagsüber im Büro lief der Chat stets im Hintergrund. Mit einem Klick wechselte der Unternehmer zum virtuellem Gesprächspartner. Auch seine Gesundheit litt unter den mehr als zehn Stunden dauernden Sitzungen vorm Computer. Aber die Verlockung, über das Internet zu kommunizieren, war stärker als jede Vernunft.

Faszinierende Paralellwelten
Computer und Internet haben ein so großes Suchtpotenzial, weil sie faszinierende und einfache Paralellwelten bieten. Eine Sackgasse - denn die exzessive Flucht aus der Realität treibt in die Isolation. Vor allem Kinder erliegen schnell der Faszination der Bilderwelten. Viele Eltern glauben, je früher ihr Kind mit neuen Medien vertraut gemacht wird, desto besser. Ein Irrtum: Gerade Kleinkinder müssen zuerst lernen, ihre Wahrnehmungsfähigkeit auszubilden, um sich die Welt in ihrer Ganzheit zu erschließen. Sie müssen Erfahrungen machen, die alle Sinne ansprechen – nicht nur das Auge. Nur so werden elementare Gedächtnisspuren im Gehirn überhaupt erst geprägt. Wie Trampelpfade im Schnee bilden die sinnlichen Erfahrungen bei Kindern Eindrücke, die ihr späteres Lernverhalten steuern. Neurologen wie Prof. Dr. Dr. Manfred Spitzer warnen vor irreparablen Schäden, wenn nur rein visuelle Reize auf kleine Kinder einprasseln: "Wenn unser Gehirn diese Art der verarmten Realität gerade in der frühen Kindheit über Stunden täglich zur Verfügung hat, dann kommt es zu einer weniger strukturierten Gehirnentwicklung und damit zu einer unschärferen Ausbildung von Repräsentationen, zu Aufmerksamkeits- und Sprachstörungen, die dann in Lese- Rechtschreibstörungen enden, letztlich auch zu intellektueller Minderleistung."


Erziehung ist gefragt
Viele Studien bestätigen einen Zusammenhang zwischen übermäßigem Fernsehkonsum in früher Kindheit und späteren Schulproblemen. Noch nicht erforscht ist, ob das auch für den Computer gilt. Befürworter plädieren für eine behutsame und kontrollierte Heranführung an das Medium ab vier Jahren. Kritiker dagegen plädieren für absolute Medienabstinenz von kleinen Kindern – und zwar so lange wie möglich. Kleine Kinder brauchen vor allem Geborgenheit und Sicherheit - ein abendliches Vorlese-Ritual ist wesentlich wertvoller als sie zu früh mit dem Computer alleine zu lassen.
Spätestens mit dem Schulanfang lässt sich der Computer nicht mehr aus dem Leben der Kinder fernhalten. Phantasievolle, interaktive Lernspiele motivieren die Schüler oft mehr als ein Schulbuch. Umstrittene Ego-Shooter-Spiele sind jedoch leider genau so schnell eingelegt wie Lernsoftware. Deshalb gilt: für Kinder muss der Zugang zum Computer kontrolliert und reguliert werden. Ein striktes Spieleverbot allein macht wenig Sinn. Stattdessen sollen Eltern und Kinder gemeinsam am Computer spielen. Nur so behalten die Eltern den Zugang zur Lebensrealität ihres Kindes und können frühzeitig Ansätze von Missbrauch erkennen. Je älter die Kinder sind, desto schwieriger wird es, sie zu lenken und für andere Aktivitäten zu begeistern. Wenn es an Gegensteuerung fehlt, dann droht Suchtgefahr - vor allem für Jungen. Haben Eltern erst die Kontrolle verloren, nützen auch Verbote und Strafen nichts mehr – vor allem in der Pubertät. Sie vernachlässigen die Schule, die Noten werden schlechter, Konflikte im Elternhaus nehmen zu.


Wege aus der Sucht
Wie bei Alkohol oder Drogen ist die Flucht in die Welt der Spiele häufig eine Flucht aus einer unerträglichen Realität. Anfangs merken die Betroffenen gar nicht, dass sie immer tiefer in die Abhängigkeit rutschen. Sie bagatellisieren ihr Suchtverhalten, verheimlichen es, verweigern sich einer Therapie. Manche Kliniken setzen auf multimodale Bausteine. In der Fachklinik Nordfriesland steht die intensive Gesprächstherapie für Jugendliche und Erwachsene im Zentrum. Im Unterschied zur Drogenabhängigkeit, bei der eine Therapie erst nach dem Entzug beginnt, steht die Überwindung der Computersucht am Ende des Therapieprozesses. Die intensiven Gespräche begleiten den Patienten und sollen ihm helfen, Wege aus der Sucht zurück in die Realität zu finden. Eine völlige Abstinenz vom Rechner ist für meisten Betroffenen unrealistisch, da sie im Berufsleben darauf angewiesen sind.

Ein geduldiger Trainingspartner im Alter
Trotz aller Risiken ist der Computer auch entwicklungsfördernd für Geist und Psyche einsetzbar. Gerade ältere Menschen, die ihr geistiges Potential oft nicht mehr nutzen, können davon profitieren.
Die Fähigkeit, Neues zu lernen bleibt bis ins hohe Alter erhalten. Einzig die Effizienz des Gedächtnisses lässt im Alter nach. Das kann mit Denkspielen auf dem Computer trainiert werden. Es gibt Wortspiele und solche, die das graphische und räumliche Gedächtnis fördern. Der Computer ist ein geduldiger Trainingspartner, neutral und diskret. Für viele ältere Menschen ist das eine Erleichterung, denn es ist ihnen peinlich, Schwächen beim Training einem anderen Menschen zu offenbaren.

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HIPPOKRATES - Gesundheitsmagazin
15. August 2006 um 14.00 Uhr
Wiederholung vom 22. März 2005
Redaktion: Heidemarie Petters Koproduktion ZDF -ARTE G.E.I.E.

Erstellt: 15-11-05
Letzte Änderung: 09-08-06